Blätterwald und Scheibenschau





"Blätterwald und Scheibenschau"


„Gegenlicht" – das neue Kultur- und Politikmagazin ist da!

Das sächsische „Bildungswerk für Heimat und nationale Identität" stellt sein neues Zeitschriftenprojekt vor

Nun ist es soweit! Das neue Magazin „Gegenlicht" des in Sachsen ansässigen „Bildungswerk für Heimat und nationale Identität" ist erschienen und liegt als 128-seitiges, opulent illustriertes Buchmagazin vor.

„Gegenlicht" verfolgt einen eigenen publizistischen Weg, gibt engagierten und auch kontroversen Beiträgen Raum, polarisiert und provoziert, um durch Zuspitzungen Frontstellungen deutlich zu machen und die Dinge in Fluss zu bringen. Dabei will die Zeitschrift mit staubigen Konventionen brechen und einen echten innerrechten Diskurs unterstützen, ohne den es keine zukunftsfähige Nationalbewegung geben kann. Wir fühlen uns einem „wilden Denken" verpflichtet, das nur noch jenseits der großen Sozialisierungsagenturen und Ideologieproduktionsstätten, jenseits des akademischen Betriebs und der großen Medien artikuliert werden kann.

In den virtuellen Redaktionsräumen der „Gegenlicht" treffen also Nationalrevolutionäre auf radikalisierte Konservative, schreiben jugendliche Schwarmgeister neben desillusionierten Skeptikern, finden hochgespannte Hoffnungen neben nüchternem Pragmatismus ihren Platz. Da mag mancher Widerspruch vorprogrammiert sein, ebenso aber auch der gewollt undogmatische Charakter unserer Zeitschrift.

Heft 1 enthält folgende Beiträge:

• Liberalismus-Kritiker, Geschichtsdenker, Zeitdiagnostiker, „Rasputin Putins“, Heidegger-Kenner – die Liste der Zuschreibungen, die der russische Philosoph und Geopolitiker Alexander Dugin auf sich zieht, ist lang. Unbestritten dürfte allerdings sein, dass Dugin der einflussreichste und profilierteste Vordenker einer eurasischen Idee ist, die er mit seiner „Vierten Politischen Theorie" kombiniert, die sich zentral auf den Begriff des „Daseins" des deutschen Philosophen Martin Heidegger stützt. In dem Interview mit „Gegenlicht" sprach Dugin von seiner selbstgesetzten Aufgabe, „beides zu kombinieren – die Tradition der russischen christlichen Orthodoxie mit Teilen des deutschen Geisteserbes – und das Ganze in eine aktualisierte Form zu fassen." Weiter äußerte Dugin: „Das Schicksal des deutschen Volkes besteht darin, am Endkampf gegen die erwachten Kräfte des Materialismus, die im nordischen Mythos als Jötunheim, die Welt der Riesen, als Giganten und Höllenkreaturen erscheinen, an der Seite der Götter teilzunehmen."

• Auch im dritten Jahr nach ihrer raschen Expansion bestimmt die islamistische Terrormiliz IS die Schlagzeilen. In ihren einstigen syrischen und irakischen Kerngebieten verliert sie zwar an Boden, expandiert aber in Nordafrika und Fernost. In einer umfassenden Analyse geht Dominik Schwarzenberger den drei Fragen nach: „Weshalb konnte der IS für eine gewisse Zeit so schnell wachsen? Wie lässt sich der IS in die islamische (politische) Ideengeschichte einordnen? Welche Perspektive hat der IS?"

• In einem weiteren Großbeitrag mit dem Titel „Der Islam, der ‚Islamismus‘, die Nation und der Nationalstaat" geht Volker Hermann der Frage nach, wie es passieren konnte, dass „der Kriegsgang gegen das Libyen des Revolutionsführers Gaddafi […] mit islamistischen Fußtruppen geführt" wurde und analysiert den „Strategiewechsel des Imperialismus".

• In der Erstausgabe des Magazins „Gegenlicht" wird an zwei bedeutende Historiker erinnert, die unser Verständnis der Geschichte des 20. Jahrhunderts entscheidend erweitert haben: Ernst Nolte und Dominique Venner. „Gegenlicht" dokumentiert – erstmals in deutscher Erstveröffentlichung – einen Gedankenaustausch, den Nolte und Venner im Jahr 2000 in der von Alain de Benoist herausgegebenen Zeitschrift „Élements" über die Schlüsselfragen des 20. Jahrhunderts geführt haben.

• Olena Semenyaka wagt eine geopolitische Betrachtung aus ukrainischer Sicht – und Alain de Benoist antwortet in einem Interview auf die Frage, ob ein „Dritter Weg" der Ukraine nun wirklich möglich ist.

• Thorsten Thomsen blickt auf die politische Rechte in den USA und Frankreich und den dort zwischen einer progressiven und traditionalistischen Fraktion ausgetragenen Richtungskampf-

• Chefredakteur Arne Schimmer hat die Literatur zum Ersten Weltkrieg durchgearbeitet und konstatiert eine Zäsur in der Betrachtung dieser „Urkatastrophe" (George F. Kennan) des 20. Jahrhunderts: „Fritz Fischer ist entthront!"

Der Erstling von „Gegenlicht" enthält weitere Aufsätze von Frank Krämer, Johannes Scharf, Bernd Rabehl, Jürgen Schwab, Thomas Simon und Friedrich Baunack, einen 46-seitigen Rezensionsteil sowie Lyrik von Björn Clemens und Jörg Hähnel.

„Gegenlicht" kann bestellt werden:

Per E-Post über die Adresse: Gegenlichtmag@aol.com

Über das soziale Netzwerk „Facebook“: gegenlicht.magazin

Oder per Post über die Adresse:

PF 32 01 33
01013 Dresden

Ein Einzelheft kostet 11 Euro, ein Abonnement kostet 28 Euro und beinhaltet die Lieferung von drei Heften.


Meine früheren, in "hier & jetzt" erschienenen "Blätterwald & Scheibenschau"-Plaudereien:

aus Nummer 19, Frühjahr 2013

Lieber Leser!

Anfang des Sommers habe ich  zum erstenmal das alljährlich im thüringischen Rudolstadt stattfindende tff (www.tff-rudolstadt.de) erlebt. „tff“ steht – glaube ich - für „Tanz- und Folk-Festival“, wobei „Folk“ – weiß ich - wie „Fouk“, das „ou“ mit demonstrativ vorgeschobenem Unterkiefer gesprochen werden muß, damit es ja nicht nach „Volk(smusik)“ klingt. Diesen immer mal wieder Sodbrennen verursachenden polititischen Korrekt- und Flachheiten zum Trotz ist das tff ein wahrhaft großartiges Festival (nach guter alter DDR-Manier – wal und nicht etwa –well gesprochen)! Auch unsereiner kann dort viel lernen und erleben. Aber Vorsicht: Es erschlägt einen leicht in seiner Programmdichte. Und: Es wird der Freiheitskampf vieler illustrer Völker, niemals jedoch der des deutschen Volkes thematisiert. Nach gutmenschlicher Lesart haben wir uns ja immer nur gegen Befreiung gesperrt. Trotzdem: Deutsche Volkskunst wird auf dem tff durchaus gepflegt und weitergetragen.

Während einer notwendigen Imbißpause auf einem Brunnenplatz mitten in der Stadt hörten wir zufällig (im Programmheft tauchten sie gar nicht auf) die Instrumentalgruppe Cobario. Wir saßen halb hinter den drei jungen österreichischen Landsleuten, konnten also ihre Ansagen kaum verstehen, nur der Dialekt und natürlich die Musik waren unüberhörbar. Als dilettierender Saitenzupfer war ich ganz gebannt vom schlaksigen Melodiegitarristen, der zwischen seinen schnellen Läufen gelegentlich ungeniert und genüßlich an seiner Zigarette zog. Auch die beiden anderen sind ebenso sichere wie verspielte Musiker. Den Hüllen ihrer Scheiben nach verbindet sie eine Begeisterung für die mexikanische Wüste. Ihre Musik mit akustischer Rhythmus- und Melodiegitarre sowie Violine ist dabei  schwer einzuordnen: Melancholie gepaart mit Freude, aus welchem Zusammenfluß Lebendigkeit entspringt. Die Stücke tragen zwar fast alle unsägliche anglistische Namen,  sind aber einfach schön zu hören - auch nach den –zigsten Mal - und machen Herz und Lunge frei. Am besten gefällt mir die Scheibe „Island“ und darauf der dritte Titel. Dessen Namen bringe ich nicht über die Zunge, tut zu weh. Ich taufe ihn „Wieder schenkt das Leben uns einen Tag“.

Die braucht er auch, um Manfred Kleine-Hartlages Diagnosen verdauen zu können. Kleine-Hartlage ist kein Arzt, auch kein Heiler, sondern ein ehemaliger Linker, der, so scheint es, gegen seinen Willen und unter dem Druck seiner Erkenntnisse zum Rechten geworden ist. Solche Denker (zu denen sicher Horst Mahler oder auch Stephan Courtois {„Schwarzbuch des Kommunismus“} zählen), sind die erbarmungslosesten, weil sie nicht in Hinblick auf ein gewünschtes Ergebnis forschen, sondern ohne Rücksicht auf ein solches und vor allem ohne Rücksicht auf sich selbst. Wer das tut und kann, muß schwindelfrei und illusionslos sein und den Blick eine Sezierers haben. Entsprechend könnte die Zeitschrift Sezession, in der Kleine-Hartlage regelmäßig veröffentlicht, auch „Obduktion“ heißen. Nebenbei bemerkt: Zur fünfzigster Nummer der Sezession gratuliere ich Götz Kubitschek hiermit. Was er da angeleiert und welch helle Köpfe er zusammengebracht hat, bewundere ich…

Pausen, liebe Leute, sind entgegen einem weitverbreiteten Fehlurteil keine verlorene Zeit. Also: Immer mal wieder einen Thee oder Kaffee kochen, wenn schönes Wetter ist, sich raussetzen und Cobario hören. Ihre Musik deckt nicht zu, sondern hebt hinweg und gleich fühlt der Mensch sich beschwingt und hat wieder Kraft.

Jetzt aber soll es nicht um die „Sezession“ gehen, wenn ich auch nicht umhin kann, die Nummern 48 und 49 mit den Aufsätzen „Handlungsanleitung für Putschisten“ und „Staatsstreich und Widerstandsrecht“ von Manfred Kleine-Hartlage vor allem den Lesern zu empfehlen, die sich immer noch an der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ abarbeiten. 

Hier will ich Kleine-Hartlages Büchlein „Neue Weltordnung/ Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie“ vorstellen. Ha, Verschwörungstheorie: Das Wort läßt mich doch noch einmal abschweifen. In seinem „Anderen Jahrbuch“ namens „Verheimlicht, vertuscht, vergessen“ macht sich Gerhard Wisnewski (dem einen oder anderen von seinem wahrhaft bombigen Buch „Das RAF-Phantom“ bekannt) alljährlich auf die Suche nach „Fehlern in der Matrix“, wie er schreibt. Das meiste, was er findet, ist ungeheuerlich – aber schlüssig. Er sammelt übersehene, unterschlagene oder offenbar gefälschte Schnipsel zu unter anderen den Fällen NSU („Kam der Killer vom Verfassungsschutz?“), Störfall Bundespräsident („Warum mußte Christian Wulff wirklich zurücktreten?“), Menschenrechtler („Die erstaunliche Geschichte von Amnesty International“), deckt auf, wie nützlich (inszenierte?) Massaker für die Gutmenschenherrschaft sind und warnt „Muggel“  vor der Lektüre: Die können nämlich „nach bestimmten Erkenntnissen nie wieder in ihrem kleinen warmen Muggel-Häuschen unbekümmert auf dem Sofa sitzen“. Wisnewski ist ein penibler Sortierer, ihm fällt jeder nicht passende Zacken auf. Naja, daß wir durch die Qualitätsmedien nach Strich und Faden belogen werden, ahnten wir längst. Wisnewski aber weist es nach - mit bissigem Humor. Im Jahrbuch 2011 hatte er ein kleines Verzeichnis der Wörter angelegt, die die Qualitätsmedien gerne benutzen, wenn ihnen die Argumente ausgehen. Kostprobe gefällig? „Abstrus= nahe liegend/ Antisemit= häufig kein Antisemit, sondern eine aus irgendwelchen Gründen politisch unerwünschte Person/ Friedenstruppe= Besatzungsarmee/  krude= siehe abstrus/ Nazi= siehe Antisemit/  Qualitätsjournalismus= angepasste Lohnschreiberel“ und schließlich „Verschwörungstheorie= plausible Theorie über ein Geschehen oder einen Sachverhalt/ wilde Verschwörungstheorie: besonders plausible Theorie“. Zum Lachen ist das eigentlich nicht, aber anders läßt sich die Dreistigkeit, mit der man uns zu verblöden versucht, nicht ertragen.

Noch ein Wort zu den Qualitätsmedien: Aus der Hülle einer Film-Scheibe fiel mir vor einiger Zeit eine Postkarte vor die Füße, mit der ich „neues deutschland/ Sozialistische Tageszeitung“ kostenlos für 2 Wochen beziehen konnte. Der innenpolitische Teil war unter aller Sau, der tägliche „Nazi“-Alarm (siehe Wisnewskis Auflistung) einfach peinlich. Wie sich der Anspruch eines „neuen Deutschland“ mit der Forderung der in dem Blatt gehätschelten ANTIFA „Nie wieder Deutschland!“ vereinbaren läßt, ließe ich mir von Ihnen, werter Olaf Koppe, Geschäftsführer gerne mal erklären. Die außenpolitischen Artikel und von denen besonders die Berichte der nd-Korrespondentin in Syrien, Karin Leukefeld sind dagegen zum Teil sehr fundiert und in krassem Gegensatz zu denen der – hm, wie soll ich´s nennen – aufstandsanständigen Zeitungen. Ein echter Genuß aber die Betrachtungen von Hans-Dieter Schütt: Bei deren Lektüre mußte ich an Gerhard Gundermanns Lied „christiane“ denken:“…wie hältst dus da  bloss aus/ so abgeschnitten von zu haus…“. In diesem öden Anti-Deutschland, werter Hans-Dieter Schütt, kann einer wie Sie nicht wirklich zu Hause sein!

Nach dieser dritten Abschweifung jetzt aber wirklich zu „Neue Weltordnung/ Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie“ von Manfred Kleine-Hartlage:

Das in der Reihe Kaplaken erschiene Werk hat 91 Seiten, aber die wiegen schwerer, als manchmal zu ertragen ist. Kleine-Hartlage spekuliert nicht. Er unterstellt oder argwöhnt auch nicht. Er zitiert und seziert und sagt dann „Schau selbst!“. Der allgemeine Zug geht in eine bestimmte Richtung – und zwar nicht schicksalhaft und „alternativlos“, sondern gewollt und geplant. Der Totalitarismus, der spätestens seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Stück für Stück installiert wird, hat nichts mit (Links-)  Faschismus oder Sozialismus zu tun, wie seine Kritiker manchmal lästern. Diese –ismen wollten die Gesellschaft in ihrem Sinne verfestigen, was immer nur eine gewisse Zeitlang gut geht. Aber „Wer ewig herrschen will, darf die Gesellschaft gerade nicht verfestigen, er muß sie verflüssigen..“ , sie auflösen, atomisieren, sprich, den – wie Hans-Magnus Enzensberger ihn genannt hat – „molekularen Bürgerkrieg“ entfesseln. Er darf keine Kollektive mehr dulden, die „Solidarität gegen die Herrschenden stiftet(en F.B.)“. Wirkliche Solidarität aber ist letztlich nur da, wo einer auch den Tod in Kauf nimmt. „Wofür sind Menschen bereit zu sterben? Erstens für die eigenen Kinder, zweitens für das eigene Volk, drittens für den eigenen Glauben….Deshalb wird die Familie als gesellschaftliches Leitbild demontiert, deshalb ein `Weltethos´ gepredigt als Vorstufe zur Abschaffung von Religion, und deshalb werden die westlichen Völker langsam, aber sicher in die multikulturelle Selbstauflösung getrieben.“ Wenn jeder nur noch für sich da ist und sich nicht mehr als Teil irgendeines eines Ganzen, größer als die Summe seiner Teile, empfindet, ist der Anspruch „Teile und herrsche“ an sein Ziel gekommen. Scheinbare Schwächen dieses neuen Totalitarismus (zum Beispiel die offenbare Fehlentwicklungen des T€URO) sind keine. So etwas wird geplant,  w e i l  es schief gehen muß und soll. Denn nur aufgrund der daraus entstehenden Zwangslage kann dann das eigentliche installiert werden, was sonst einen Sturm der Entrüstung entfacht hätte.

Ach, indem ich in dem Büchlein blättere, möchte ich zitieren und zitieren, – aber dann könnte ich es gleich nachdrucken. Wohlgemerkt: Diese Schrift ist kein Ratgeber, es weist weder Wege noch Therapien. Es macht keine Hoffnung, sondern schaudern. Warum sich so etwas antun? Um endlich zu kapieren, daß die gängigen Wege Sackgassen sind! Das heißt nicht, daß sie von uns nicht bevölkert bleiben sollten. Nur verzetteln und verzehren dürfen wir uns dort nicht – es sei denn, wir wollten tumb die uns zugedachte Rolle spielen.

Schauen wir uns einen Film an, der hervorragend zu Kleine-Hartlages Diagnose paßt: „Selten hat man beim Thema Integrationsdebatte so gelacht“  wurde im Fernsehsender 3sat der Film „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje beschrieben. Verrückte Wahrnehmung! Den Film, beziehungsweise das aufgezeichnete Theaterstück fand ich hervorragend inszeniert, den Inhalt bedrückend realistisch. Zum Lachen war da nichts – es sei denn, ich hätte mir das Gefasel unserer „Ausländerbeauftragten“ (oder wie schimpft sie sich?) in Erinnerung gerufen.

Szene: Ein BRDDR-Klassenzimmer. Handlung: Eine junge Lehrerin versucht ihren Schülern – außer einer „Schlampentusse“ (Begleitheft) sämtlich Jugendliche orientalischer Herkunft – Schillers „Räuber“ nahezubringen. Doch die haben nur Interesse an ihren persönlichen (Geschäfts-) Angelegenheiten und lassen die arme Frau am langen Arm verhungern. Der fällt im Gerangel mit ihren Schülern eine Pistole in die Hände und jetzt dreht sich das Blatt: Was wohlmeinende Worte nicht bewirkten, schafft nun die Waffe: Die Lümmel werden ganz klein und aus den vermeintlich starken Eroberern werden erbärmlich Entwurzelte, die kaum noch etwas außer ihrem Haß ihr eigen nennen können und die keine Aussicht haben, je irgendwo anzukommen.

Grandios die schauspielerische Leistung aller Darsteller!  D i e s  ist großes Theater, nicht jenes schamlose Vergewaltigen klassischer Stücke! Ach, einmal die meineidigen Verantwortlichen am Genick packen und an die Leinwand (an die Mattscheibe täte ja weh) drücken: „D a s  habt  I h r  habt denen und uns angetan!!“

Die Völker des kleinen Kontinent-Anhängsels namens Europa haben jahrhundertelang die Welt geprägt – im Schlechten wie im Guten. Wie konnte es dazu kommen, daß die europäischen Eliten (oder sollten wir besser sagen Statthalter?) jetzt die Auflösung ihrer Völker durch massenhafte fremdvölkische Einwanderung propagieren und das als „Fortschritt“ feiern? Auf diese Frage versucht Frank Lisson in seinem Buch (wirklich ein Buch, kein Büchlein!) „Die Verachtung des Eigenen/ Ursachen und Verlauf des kulturellen Selbsthasses in Europa“ eine Antwort zu geben. Lisson ist ein unglaublich belesener Mann. Er schreibt manchmal etwas sperrig, was aber angesichts der umfangreichen Materie und ihrer feinen Verästelungen kein Wunder ist. Er kämpft mit dieser Materie und schafft es immer wieder, diesen Wust zu freien Sichten zu teilen. Auch hier juckt´s mich in den Fingern, zu zitieren, aber ich muß mich bescheiden: Was machte das sich nun vielleicht verabschiedende Abendland aus? Hab- oder Herrschsucht? Gewiß spielten die eine Rolle, aber sie erklärten nicht dieses Füllhorn geistiger und künstlerischer Schätze, die es der Welt schenkte. „Der abendländische Geist litt unter einer Sehnsucht nach Vollkommenheit wie Faust in Goethes Tragödie. Kein Stoff vermittelt treffender und symbolischer die inneren Kämpfe und damit das Wesen abendländischen und vor allem deutschen Denkens als eben dieses Drama. Im Faust haben sich das Abendland und der deutsche Geist ein Denkmal gesetzt, auf das in den nächsten Jahrhunderten wird zurückgreifen müssen, wer wirklich verstehen will, was dieses so seltsame, rätselhafte und schauerlich-schöne Phänomen Abendland eigentlich gewesen sei.“ Aber wie wurde aus dem Sehnsuchtsleiden Selbsthaß? “…Das Phänomen des kulturellen Selbsthasses ist in seiner ganzen Tiefe - …- gar nicht zu begreifen …, ohne die Verstörungen zu berücksichtigen und in Erinnerung zu rufen, die das Christentum im Abendland ausgelöst hat.“  Hatte das Christentum die Europäer von ihren Wurzeln abgeschnitten, aus ihrer geistigen Heimat, dem Paradies der Unschuld vertrieben und sie zu schuldigen Sündern gemacht, die seitdem mit sich – und der Welt – rangen und sich müde und zu Tode siegten und doch der verlorenen Heimat nicht näherkamen?

Lisson ist kein Sezierer wie Kleine-Hartlage, eher ein Maler, der ein gewaltiges Panorama entwirft. In diesem Panorama ist vereinigt, was wir bislang vielleicht nur einzeln betrachteten, weil es vom anderen zu weit entfernt lag. Nun tuen sich Verbindungen und gegenseitiges Bedingen auf. Der Leser oder – um beim Panorama zu bleiben – Betrachter ist gebannt, kann sich nicht losreißen, entdeckt immer neue Einzelheiten. „Die Verachtung des Eigenen“  fordert ihn heraus, will mehrmals gelesen und nach-gedacht sein. Aber es läßt uns die „Anderen, … Unbequemen, Verweigerer“ nicht in den Abgrund des Nichts fallen: „Für diese stolzen Minderheiten bleibt genug zu tun…

Nämlich die „Verteidigung des Eigenen“? So heißt ein weiterer „Kaplaken“-Band, den ich hier vorstellen möchte. Er beinhaltet „Fünf Traktate“ aus der Feder von Martin Lichtmesz. Er ist – nach dem Sezierer und Maler - der spöttische Beobachter, der durch die Straßen schlendert und scheinbar wahllos dieses und jenes aufspießt, so, als wollte er sagen „Und was ist das, Schwätzer, elender? Ist das nicht Kacke? Und Du redest von Konfekt!“ Diese Sätze in östereichischem Dialekt gedacht und wir haben Martin Lichtmesz, wie ihn mir denke. Er denkt nicht daran, sich zu unterwerfen oder mit Schuldkomplexen beladen zu lassen. Er weiß genau, daß Unterwerfung Verachtung nach sich zieht. „Wer aber den Weg zu seiner `Eigenart´ gefunden hat, wer aus dem Schlummer erwacht ist, wird sich nicht mehr beirren lassen; er wird von nun an an seinem eigenen wärmenden Feuer in der Nacht stehen….; nicht mehr Opfer, nicht mehr Zombie, nicht mehr Unterworfener und Kolonisierter sein wollen.“

Lichtmesz ist weder nüchtern noch abgeklärt, sondern voller Zorn. Er zeigt die Lächerlichkeit der selbsternannten Könige auf. Nicht ihre Nacktheit macht sie lächerlich (bewußte Nacktheit ist es nie), sondern ihre Gespreiztheit. Wie können Menschen wie unsere –ha, wie schwer geht das Wort über die Lippen – Eliten so hohl sein und merken es nicht? „Die Gesichter  der herrschenden politischen Klasse Deutschlands sind… ein interessantes Studienobjekt. An persönlichem Machtwillen fehlt es ihnen zweifellos nicht. An äußerlicher Schwammigkeit, Infantilität, Biegsamkeit und Wehleidigkeit allerdings auch nicht“. („Traktat über verschleppte Gewalt“) oder „Die Einfalt, die besonders jenem Personal so penetrant ins Gesicht geschrieben steht, das so gerne von der `Vielfalt´ spricht, sorgt dabei für Titanic-würdige Pointen, besonders in Kombination mit dem Slogan `Vielfalt statt Einfalt´.“ („Traktat über die Vielfalt“). Aber Lichtmesz ist nicht nur Spötter. Niemand eindringlicher als ein Clown, der auf einmal eine wehmütige Weise spielt. Da lacht keiner mehr. Bei der Lektüre des letzten Traktates „Unsichtbare Gegner“ auch nicht. Aber - und das unterscheidet uns von den Nacktpfauen – uns wird Ernst nicht zur Wehleidigkeit. Wir wollen, müssen stark bleiben.

Was immer gegen das III. Reich gesagt werden kann, es mobilisierte ungeheuer starke Männer und Frauen. Eine von diesen war zweifellos Melitta von Stauffenberg. Nach „Melitta Gräfin Stauffenberg/ Das Leben einer Fliegerin“ von Gerhard Bracke ist „Melitta von Stauffenberg/ Ein deutsches Leben“ von Thomas Medicus die zweite Beschreibung ihres Lebens. Medicus konnte für sein Buch weitere, zum Teil private Quellen auswerten.

Mit Elly Beinhorn und Hanna Reitsch bildete diese schöne und starke, wenn auch zierliche Frau  d a s  leuchtende Dreigestirn deutscher Fliegerinnen. Dabei war sie keine eigentliche Testpilotin neuer Flugzeugtypen wie Hanna Reitsch, sondern Luftfahrt-Ingenieurin, die ihre Theorien (über den Sturzflug) und Entwicklungen (eines Nachtlandesystems) auch selbst als Flugzeugführerin laufend in der Paxis ausprobierte und überprüfte. Mit dieser Doppelbegabung und –funktion als Fliegerin und Ingenieurin war sie einmalig. Von eher zarter Natur absolvierte sie so viele Sturzflüge wie kaum jemand anderes, bis zu fünfzehn am Tage, insgesamt rund 2.200! „Da staunte Dr. Georg Pasewaldt, Oberst im Generalstab und Entwicklungschef im Technischen Amt des Reichsluftfahrtministeriums….Sollte die Ju 88 … etwa zum Absturz gebracht werden? Was denn Sinn und Zweck solch eines waghalsigen Sturzfluges sei, …, das müsse doch ungeheure Vibrationen erzeugen, ließe sich da der Sturz überhaupt noch abfangen …. ? Wer denn der Pilot sei, der an den `Grenzen des Zulässigen´ fliege und diese enormen Beschleunigungskräfte aushalten könne? … Es war, erfuhr Pasewaldt von den Umstehenden, `die Melitta bei ihren Sturzversuchen´. In den gemäßigten Sturzflug abzutauchen, erinnerte sich der … fronterfahrene Kampfpilot nach dem Zweiten Weltkrieg, habe `mancher männliche Pilot bereits als Heldentat´ betrachtet. Für Melitta von Stauffenberg seien die extremsten Wagnisse über Jahre hinweg Alltag gewesen.“

Wer war diese Frau? Ich mache es ganz kurz, will nur gerade soviel verraten, daß Du, lieber Leser, ihre packend geschriebene und sorgfältig recherchierte Geschichte einfach lesen  m u ß t: Geboren 1903 in der Provinz Posen als Tochter einer schönen und schöngeistigen Schulratstochter und des jüdischstämmigen Bauingenieurs und im Ersten Weltkrieg Landsturmhauptmanns Michael Schiller. Durch das Versailler Diktat Verlust der Heimat, Besuch einer Höheren Mädchenschule im Riesengebirge, starke sportliche Aktivitäten (Schwimmen, Segelfliegen, Wandern) und musische (Zeichnen und Holzschnitzkunst). Studium der Technischen Physik (statt wie ursprünglich geplant Kunst) in München, erste Liebe mit einem jungen Weltkriegsoffizier, Kontakte zur Münchner Boheme, Abschluß als Diplom-Ingenieurin, über verschiedene Stationen zur Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt nach Berlin, Flugzeugführerscheine aller Klassen, Hochzeit mit dem Dichter, George-Jünger und Altphilologen Alexander von Stauffenberg, als Ingenieurs-Pilotin Wechsel zur Flugerprobungsstelle nach Rechlin. Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse (durch Hermann Göring persönlich) und dem Goldenen Militärfliegerabzeichen mit Brillanten und Rubinen, offizielle Einordnung als „deutschblütig“, nach dem Attentat vom 20.7.1944 (in das sie entgegen Brackes Annahme wahrscheinlich nicht eingeweiht war) in Sippenhaftnahme, Angst um das Leben ihres ebenfalls inhaftierten Ehemannes, Stattgabe des Gesuchs, in der Haft weiter an kriegsentscheidenden Entwicklungen arbeiten zu dürfen, Kampf um ihre Entlassung („…mit dabei auch Hajo Herrmann, …mit dem sie daran arbeitete, Probleme der Nachtjagd zu lösen.“), Protegierung durch den GeStaPo-Beamten und SS-Sturmbannführer Opitz („… einen weißen Raben…“, Claus von Stauffenbergs Frau Nina), Entlassung auf Weisung des Reichsführers-SS, Heinrich Himmler, Wiederaufnahme der Arbeit und der vornehmlich Nachtflüge, Hilfsaktionen für die noch in Sippenhaft gehaltenen Verwandten, die – mit anderen, teils prominenten Häftlingen – als Geiseln über verschiedene Konzentrationslager Richtung Süden verbracht werden. Melitta macht immer wieder Flugbesuche dort, bei einem dieser Flüge wird sie von einem amerikanischen Jagdflieger wenige Wochen vor Kriegsende abgeschossen und erleidet tödliche Verletzungen.

Hier muß das Wort schweigen. Legen wir also Niels Wilhelm Gades  „Nachklänge von Ossian“ auf, schalten die Außenlautsprecher an, setzen  uns raus und schauen hinauf ins blaue Meer…

Im vorromantischen Britannien des 18. Jahrhunderts gab es offenbar einen Zug zurück in alte Zeiten: Der junge Engländer Thomas Chatterton (1752-1770) verfaßte in überbordender schöpferischer Phantasie Gedichte, die er als Werke eines mittelalterlichen Dichters herausgab (und ging nach seiner Entdeckung in den Freitod, siehe „Der arme Chatterton“ von Ernst Penzoldt, Suhrkamp Verlag 1952). Sein Zeitgenosse, der Schotte James MacPherson (1736-1796) veröffentlichte „Bruchstücke altertümlicher Poesie“, angeblich Übersetzungen aus dem Gälischen von Liedern des mythischen Helden und im Alter blinden Sängers Ossian aus dem 3. Jahrhundert. Goethe, Herder und später auch Hölderlin (vielleicht auch Felix Mendelssohn-Bartholdy mit seiner wunderbaren Konzert-Ouvertüre „Die Hebriden oder Fingals Höhle“?) und – der junge dänische Komponist Niels Wilhelm Gade (1817-1890) wurden von Ossian inspiriert. 1841 gewann er mit den „Nachklängen von Ossian“ einen vom Kopenhagener Musikverein ausgeschriebenen Musikwettbewerb und wurde damit schlagartig berühmt. „Die Einleitung beginnt mit geheimnisvollen, leisen Akkorden, welche auf den tieferen Streichinstrumenten erklingen und eine Geschichte aus grauer Vorzeit ankündigen, und setzt sich mit einer Melodie fort, die eine Bearbeitung einer alten dänischen Ballade ist“ (aus dem Beiheft). Gade, der nach dem Tode seines Förderers Mendelssohn-Bartholdy das Leipziger Gewandthaus-Orchester leitete und wiederum den jungen Edvard Grieg anregte, „verwendete die Tonart seiner Ossian-Ouvertüre (a-Moll) auch am Anfang der Sinfonie Nr. 3 op. 15“, deren Sätze er teilweise „mit Inschriften in skandinavischen Runen versah“ (aus dem Beiheft).

Diese Musik ist so groß, erhebend und abendländisch, daß alle Zweifel schwinden und vor uns wieder unser Eigenes ersteht.

Was das ist? Laut offizieller Lesart waren wir ungebildete, tumbe, gewalttätige Keulenschwinger, bis die Römer und später die Missionare uns Kultur beibrachten. Doch war das wirklich so? Die Himmelsscheibe von Nebra und die Sonnenwarte von Gosek zeigen uns, auf welch „altbebautem Lande“ (Ernst Jünger „Auf den Marmorklippen“) wir stehen. Woher wir kamen, erzählt uns Reinhard Schmoeckel in seinem umfangreichen, neu aufgelegten und vollständig überarbeiteten Werk  „Die Indoeuropäer/ Aufbruch aus der Vorgeschichte“: „Dr. Reinhardt Schmoeckel begibt sich auf die Suche nach unseren Ahnen, den Indoeuropäern oder Indogermanen. Im Geschichtsunterricht unserer Schulen kommt dieses geheimnisvolle Urvolk nicht vor. Die wissenschaftliche Erforschung unserer Herkunft und damit auch unserer Identität scheint immer noch von Tabus bestimmt zu sein. Der Autor widersetzt sich den herrschenden Denkverboten, indem er die verstreut vorliegenden Erkenntnisse der Archäologen, Sprachforscher und anderer Spezialwissenschaften zusammenträgt und sie zu einer spannenden, populärwissenschaftlichen Gesamtdarstellung vereint.“ (Mitteilung des Verlags) Spannend ist dieses umfangreiche Buch wirklich. Schmoeckel versteht es, die wissenschaftliche Materie immer wieder durch ( nicht phantastische, sondern wahrscheinliche) kleine Erzählungen aufzulockern. Was er an Wissen hier ausbreitet, ist unglaublich und teilweise verblüffend. Wer hätte gedacht, daß manche unserer Volksbräuche sich nicht nur über tausend, sondern tausende Jahre zurückverfolgen lassen! In solch ferne Zeiten taucht Schmoeckel ein und vor uns tut sich eine Tiefe auf, von der der wir nicht einmal ansatzweise etwas ahnten. Gab es die Amazonen? Welches Volk der Altvorderen gab der Krim ihren Namen? Mit welch ungeheurer Kraft wuchsen, zerstörten und bauten diese sagenhaften Vorfahren? Wieviel tragen wir heute noch von ihnen in uns? Wie verwandt sind die Sprachen von Portugal bis Indien, vom Nordkap bis ans Schwarze Meer? Wie nahe sind uns die Slawen? Wer und was waren die Arier wirklich? Das Buch ist eine wahre Fundgrube und spannende Lektüre. Wer einmal angefangen hat, darin zu schmökern, legt es nicht so bald wieder aus der Hand. Es sollte also wegen dann drohender Staus auf der anderen Seite der Thür nicht im Stoffwechsel-Kabinett gelesen werden!

Ein Buch, das uns nicht unsere vergessenen Wurzeln, sondern unsere verschütteten Quellen wieder offenbart, ist das „Heidnische Jahrbuch“, herausgegeben von Holger Kliemannel und Wolfgang Bauer. Hier wird´s schwierig für mich: Die Ausgabe 2012 (in dem wir unseren Helden und Sänger Ossian wiederbegegnen) ist nahezu vergriffen und die von 2013 noch in Arbeit. Frühere Jahrgänge aber sind noch beziehbar und für alle Bände gilt: Sie sind wahrhaft zeitlos. Ich bespreche im folgenden also keine bestimmte Ausgabe, sondern die Reihe im allgemeinen.

Wenn in der BRDDR von Religion die Rede ist, so von fast nur den drei Wüstenreligionen. Als unsere eigene gilt dann das Christentum, das dem Judentum ach so nahe stände und eigentlich auch dem Islam und überhaupt lieben wir uns alle… Michael Winkler hat diese drei monotheistischen Regionen übrigens auf seiner Seite  www.michaelwinkler.de/Pranger in würziger Kürze treffend charakterisiert.

Ein Heidentum gibt es offenbar gar nicht. Das ist aber nur bei uns so. In Nord- und Nordosteuropa wirken lebendige Heidengemeinschaften.In Dänemark, Norwegen und auf Island ist Asatru (aus Asen= die heidnische Götterfamilie und tru wie deutsch „treu“ oder englisch „true“= wahr), der Glaube an die Asen sogar als offizielle Religionsgemeinschaft anerkannt.

Hier bei uns ist das Eigene auch in der Religion wie üblich verpönt und unterliegt einem ständigen Rechtfertigungs- und Erklärungszwang. Mißverständnissen sind dabei nicht nur wegen des III. Reiches (oder was man dafür hält) Tor und Thür geöffnet, sondern auch wegen der Brutalität, mit der hier wie in keinem anderen europäischen Land die Missionierung vorangetrieben wurde. Karl der Schlächter und Ludwig der Fromme haben wirklich fast ganze Arbeit geleistet. Direkte Überlieferungen haben wir so gut wie keine mehr. Nebenbei: Wenn unsere Altvorderen keine schriftlichen Aufzeichnungen hatten – wieso befahl Karl der Schlächter dann, alles an Schriften heidnischen Inhalts bei Todesstrafe abzuliefern und wie konnte sein Sohn Ludwig der Fromme dann daraus sein gottgefälliges Feuerchen machen? Wie auch immer, wir sind auf wenige Schriften wie die antiker griechischer oder römischer Autoren, die Snorra-  und die Saemundar-Edda, die „Deutsche Mythologie“ der Gebrüder Grimm, auf unsere Sagen und Bräuche und – auf unser Ahnen, Fühlen und Nach-Denken angewiesen. Herausgeber Holger Kliemannel hat bei der Auswahl der Autoren eine meist glückliche Hand. Unter ihnen sind immer wieder welche, die wir aus anderen Publikationen kennen. Ihr großes Verdienst ist, all dies – die Überlieferungen, Sagen, Mythen, Überreste - zu sichten, zu sammeln, neues zu entdecken und altes nachzuempfinden. Kein einfaches, aber ein spannendes Unterfangen, vor allem, wenn neben streng wissenschaftlichem Interesse das lebendige Gefühl für die Beseeltheit der Dinge und die Manifestation der alten Götter die Antriebsfedern bilden. Entlarvt wird dabei das alberne Gehabe mancher Gegner und Anhänger des Heidentums, aus Odin, Donar oder anderen einen gleichsam biblischen Gottvater, eben nur heidnisch, zu machen. Die Heiden sprechen gerne von Erfahrungsreligion, weil es bei ihnen im Gegentum zu den Wüstenreligionen nicht um die Befolgung von Ge- und Verboten eines Gottes, sondern um die wirkliche Erfahrung erlebter Atmosphären geht.

Die Frage „Glaubst Du, daß es einem Flußgott gibt?“ wird fast stets zu einem entweder Winden oder Nein-Sagen führen, die Frage „Glaubst Du, daß diesem Fluß etwas geistiges innewohnt“ oft zu einem „Ja!“ (frei aus einem der Jahrbücher nacherzählt).

Die verschiedenen Jahrbuch-Beiträge sind manchmal zugegebenermaßen anstrengend zu lesen, oft voller Witz (im ursprünglichen Sinne des Wortes), meistens lehrreich und immer gehaltvoll. Im Anhang findet sich ein ausgiebiger Besprechungsteil, in dem nicht nur auf Bücher und Tonträger, sondern auch Feste, Veranstaltungen und Gemeinschaften hingewiesen wird. Immer wieder erlebe ich bei der Lektüre, daß zutiefst Gefühltes auf einmal in klaren Worten vor mir steht. Für solche glückhaften Momente lohnt es sich immer wieder, hartnäckig den Gedankengängen der Autoren zu folgen.

Aus welch zeitlichen Tiefen wir Europäer dabei schöpfen, zeigt Werner Herzogs Film „Die Höhle der vergessenen Träume“. Um es gleich vorweg zu sagen (Werner Herzog möge es mit Fassung tragen): Dieser Film ist schlecht gemacht. Aber die Bilder, die er zeigt, sind umwerfend und entschädigen reichlich. Sie wurden in einer rund 8.000 Quadratmeter großen Höhle im Flußtal der Adéche in Südfrankreich aufgenommen. Ein gewisser Jean-Marie Chauvet entdeckte sie 1994. Diese Höhle muß ein besonderer Ort gewesen sein. Die darin aufgefundenen Bilder sind nicht nur zum Teil riesig (bis zu 12 Metern Breite), sie zeigen nicht nur eine große Anzahl von Tierarten wie Wollnashorn, Mammut, Höhlenlöwe, Panther, Pferde, Rinder und Hyänen, sondern sie sind in ihrer Ausführung erschütternd neuzeitlich: Solche Lebensechtheit, solche Plastizität, Dynamik und anatomische Genauigkeit wurden in Europa erst wieder in der Renaissance und in Deutschland durch Albrecht Dürer erreicht. Dabei sind diese Bilder, nach der Radiokarbonmethode berechnet, gut – es ist ungeheuerlich und sollte genau gelesen werde, was jetzt folgt – 32.000 (zweiunddreißigtausend) Jahre alt!

Vor 22.000 Jahren verschloß ein Felssturz die Chauvet-Höhle. Seitdem betrat sie aller Wahrscheinlichkeit nach kein Mensch mehr. Auch vorher haben sich wahrscheinlich nicht viele Menschen und diese nicht sehr lange in der Höhle aufgehalten. Die bei der Wiederentdeckung der Höhle aufgefundenen Feuerstellen wurden offenbar nur einmal benutzt. Wahrscheinlich gab es bis auf die Maler nur wenige Besucher. Einer von diesen hat an verschiedenen Stellen seinen farbigen Handabdruck hinterlassen. Was haucht einen da an?

Die Menschen, die diese Bilder schufen, waren keine blöden Steinzeitgrunzer, sondern müssen feinnervige, hochtalentierte, hellwache Künstler gewesen sein.

Ich bemerkte vorhin, daß in anderen europäischen Ländern unverkrampfter als bei uns mit dem heidnischen Erbe umgegangen wird. Ein schönes Beispiel ist dafür die von der Sängerin Maria Archipowa gegründete russische Musikgruppe „Arkona“, genannt nach dem gleichnamigen slawisch -heidnischen Heiligtum auf Rügen. Der Name ist Programm: Inspiriert von russischer Volksmusik und begleitet von modernen elektrischen wie auch von traditionellen Instrumenten wird das heidnische Erbe besungen, wiederbelebt und gepflegt und das auf eine manchmal wahrhaft umwerfende Weise. Maria (Mascha genannt) Archipowa fegt wie ein Irrwisch über die Bühne, manchmal röhrt und manchmal singt sie, so, als hätte sie mindestens zwei verschiedene Stimmen. Schön zu sehen und zu hören auf dem filmischen Mitschnitt eines Konzertes vom Herbst 2007 in Moskau mit dem Titel „Noch Velesova“ (gesprochen Notsch Velesova), Veles-Nacht. Veles ist als der Hüter der Erde, der Ernte, des Viehs und des Rechts einer der Hauptgötter der slawischen Mythologie. Die ersten und letzten Getreidegarben wurden ihm geopfert. Noch um das Jahr 1.000 wurde er wohl angerufen. Die russische Bezeichnung Volosyni für die Plejaden deutet ebenfalls auf Veles hin. Ihre älteste bekannte Darstellung sehen wir ja auf der schon oben erwähnten Himmelsscheibe von Nebra. Die Plejaden-Stellung am Sternenhimmel zeigte unseren Altvorderen den Beginn des Frühlings und das Ende des Sommers an. Im Zuge der Christianisierung wurde Veles zum Teufel umgedeutet und heute denken wir, Rußland und die orthodoxe Kirche seien eins.

Zurück zu „Noch Velesova“: Nach meiner begeisterten Besprechung willst Du, lieber Leser, die Scheibe natürlich so schnell wie möglich haben, oder?? Bis Du sie bekommst, soll Dir die Zeit nicht langwerden: Schaue Dir im Weltnetz auf www.youtube.com den Musikfilm „Arkona-`Slavsia Rus´!“ Napalm Records“ an. Der Musikfilm ist übrigens auch auf der besprochenen Scheibe als Bonustitel enthalten. Und wenn Du einige anregende Bilder russischen Heidentums sehen willst, geh auf www.velesova-sloboda.org/album/ss04voronin.htm .

Wenn ich recht informiert bin, ist Maria Archipowa mittlerweile zweifache Mutter. Gut so! Ohne Kinder wäre all unser Suchen, Streben und Hegen nichtig. Und so wichtig ist es, diesen Kindern schöne Dinge nahezubringen! Das Kinderbuch „Bei Vollmond“ ist nicht nur ein sehr schönes, sondern auch besonderes Buch. Uns Rechten wird ja eine Vorliebe für Schwarz-Weiß-Malerei unterstellt. Na ja, schwarz und weiß sind die preußischen Farben und überhaupt: Bergen sie nicht in Wahrheit alle anderen Farben? In „Bei Vollmond“ sind alle Bilder in schwarz/ weiß (wie es sich für eine Vollmondnacht gehört), aber nicht gemalt oder gezeichnet, sondern – geschnitten, wie Scherenschnitte, nur viel feiner. So was erlebte ich noch nie! Da sehe ich einen vom Vollmond strahlend weiß übergossenen Wolf – ich blättere um und er schaut mich nachtschwarz mit blitzendem Auge an…

Erzählt wird in vielen ausdrucksstarken und naturnahen Bildern und mit kurzen Sätzen die Geschichte einer Vollmondnacht im Wald. Irgendetwas geht vor – aber was? Nur soviel wird verraten: Etwas schönes!

Geschaffen hat das Buch Antoine Guillopé, ein wahrscheinlich französischer Kinderbuchautor und –illustrator, der – ja, mehr weiß ich von ihm nicht. Hätte ich nur damals im Französischunterricht besser aufgepaßt! Aber was soll´s: Dieses Buch ist ein ganz edles. Wie der Verlag es zu solchem Preis herausbringen kann, ist mir ein Rätsel. Aber es mit aufmerksamen Kindern durchzublättern, wird ein Vergnügen sein!

Mit einem Musikerlebnis vom tff habe ich begonnen, mit einem anderen will ich diese Plauderei schließen. Schon einmal schwärmte ich von der Sängerin Dota. Da kannte ich sie nur von ihren Scheiben. Jetzt erlebte ich sie in Rudolstadt auf der Bühne - und war hingerissen. Während Maria Archipowa gut eine Frigga abgeben könnte, ist Dota eher eine Elfe. In schlichtem schwarzen kurzen Rock und ebensolcher Bluse, ohne Schmuck und Schminke, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, stand sie barfuß mit blitzenden Augen auf der Bühne und sang ihre feinsinnigen Lieder genauso, wie Christof Stählin es im tff-Programm beschrieb: „Sie singt drucklos und gleichsam nebenbei, nichts schrillt da oder röhrt, es ist wie eine Fortsetzung des Sprechens mit anderen Mitteln.“ Und wenn die „Kleingeldprinzessin“ am Ende dieser oder jener Strophe rückwärts vom Mikrophon wegtänzelte und dieses Tänzeln dann in ausgelassenen, freudesprühenden Tanz überging, war ich schlicht bezaubert und hätte jeden Kopf, der mir die Sicht auf sie versperrte, auf den Mond schießen können.

Bei ihrem Auftritt spielte sie auch Titel ihrer neuesten Scheibe „Das große Leuchten“, die ich mir bald besorgte – aber nein, Prinzessin, Ihre Scheibe wird nicht in hier & jetzt besprochen… bleiben Sie froh – und „ …immer auf der Spur, egal was passiert“.

 

                                                                                                                      Friedrich Baunack

 

Alle besprochenen Titel außer der Zeitung können bezogen werden beim

 

„Lustbarkeitsgewerbe“ Poesie & Musik

Friedrich Baunack

Stromerpfalz

D-36199 Wüstefeld/ Ro.F.

Fernruf und –kopie 06621/42137

Strompost f.baunack@freenet.de

 

Cobario: "Island", Musik-Lichtscheibe, www.cobario.at, 13 Titel, 54 Minuten, T€URO 15,--

Manfred Kleine Hartlage: „Neue Weltordnung/ Zukunftsplan oder Verschwörungstheorie“, Buch, gebunden, 96 Seiten, Edition Antaios,  T€URO 8,50

Gerhard Wisnewski: "Verheimlicht – vertuscht – vergessen/ Was 2013 nicht in der Zeitung stand", Buch, gebunden, 368 Seiten, Knaur Droemer Verlag, T€URO 7,99

 „neues deutschland“, sozialistische Tageszeitung, Probebezug für 2 Monate T€URO 31,--, Einzelexemplar T€URO 1,80, Neues Deutschland Druckerei und Verlag, Berlin

Nurkan Erpulat/ Jens Hillje: "Verrücktes Blut", Film-Lichtscheibe (freigegeben ab 12 Jahre), 96 Minuten, T€URO 19,99

Frank Lisson: "Die Verachtung des Eigenen", Buch, gebunden, 246 Seiten, Edition Antaios,  T€URO 25,--

Martin Lichtmesz: "Die Verteidigung des Eigegen", Buch, gebunden, 96 Seiten, Edition Antaios, T€URO 8,50

Thomas Medicus: „Melitta von Stauffenberg/ Ein deutsches Leben“, Buch, gebunden, 416 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Rowohlt Verlag, T€URO 22,95

Niels Wilhelm Gade: "Nachklänge von Ossian/ Sämtliche Symphonien Teil 3", Dänisches Radio-Symphonie-Orchester,  Musik-Lichtscheibe   mit Beiheft, Chandos-Records, T€URO 18,99

Reinhard Schmöckel: „Die Indoeuropäer/ Aufbruch aus der Vorgeschichte“, Buch gebunden, 587 Seiten, Lindenbaum Verlag, T€URO 24,80

Kliemannel/ Bauer: „Heidnisches Jahrbuch“, Buch kartoniert/ broschiert, 433 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Edition Roter Drache, T€URO 26,80

Werner Herzog: "Die Höhle der vergessenen Träume/ Die verlorenen Meisterwerke der Menschheit", Film-Lichtscheibe (freigegeben ab 6 Jahre) mit Begleitheft, 86 Minuten, HOTDOKS, T€URO 13,99

Arkona: "Noch Velesova", Konzertfilm - Lichtscheibe mit Beiheft (freigegeben ab 12 Jahre), 152 Minuten, Napalm Records, T€URO 10,99

Antoine Guillopé: „Bei Vollmond“, Buch gebunden, 40 Seiten mit Scherenschnittbildern, 327 x 297 Zentimeter, Knesebeck Lindenbaum Verlag, T€URO 22,--

Dota und die Stadtpiraten: "Das große Leuchten" Musik-Lichtscheibe mit Beiheft, 16 Titel, Kleingeldprinzessin Records, T€URO 14,99



aus Nummer 18, Frühjahr 2012:


Lieber Leser!


Ich rufe um Hilfe,

und niemand antwortet,

ich rufe um Hilfe,

aber ich kann nur das Echo meiner Stimme hören.

 

Ich vergaß, wie ich hierher kam,

ich vergaß die Straße, die ich nahm,

bin ganz verloren.

Nacht fällt auf mich herab am hellichten Tag.

 

Ich wußte nicht, wo ich war,

ich weiß nicht, wo ich bin,

ich stehe am Rande des Abgrunds;

nun bin ich in der Falle.

 

Wie die junge kabylische Sängerin Souad Massi, von der diese Zeilen stammen, wohl zu Muammar al Gaddafi steht? In der letzten hier & jetzt  zitierte ich sein politisches Testament. Einige Wochen später konnte, wer wollte (ich wollte nicht), am Bildschirm zusehen, wie er als Gefangener mißhandelt und erschossen wurde. Ist Souad Massi auch nicht Libyerin, sondern Algerierin, so verbindet sie und Gaddafi doch die gemeinsame Volkszugehörigkeit, denn beide sind Berber. Deshalb, und weil Algerien die Größe hatte, Gaddafis Frau, Tochter und Sohn – ungeachtet des Geschreis seiner späteren Schlächter – Asyl zu gewähren, stelle ich an den Anfang meiner Plauderei in dieser Ausgabe die Besprechung der Scheibe Deb (Gebrochenes Herz) von Souad Massi. Wobei mir das Wort „Plauderei“ schwer von der Zunge geht, zu bitter schmeckt die immer neue alte Erkenntnis von der Verlogenheit, Kaltschnäuzigkeit und Brutalität der sich selbst so preisenden „westlichen Wertegemeinschaft“. Wie den Eekel davor überwinden, sich nicht von der Ohnmacht niederdrückern lassen und in Bitterkeit versinken? Nie so werden wie unsere Feinde, für keinen heiligen Zweck zu deren niederträchtigen Mitteln greifen, sei es auch nur den verbalen (viel mehr haben wir zur Zeit nicht), sich nicht – auch im kleinen nicht – untreu werden! Und vielleicht die schwermütigen Lieder von Souad Massi hören.

 

1972 in einem Dorf über den Hügeln von Algier geboren, träumte sie stets davon, Musikerin zu werden; im Algerien dieser Zeit ein ferner Traum. Immerhin verschaffte ihr älterer Bruder ihr die Möglichkeit, Gitarrenunterricht zu nehmen. Sie studierte in Algier  Stadtplanung und arbeitete in einem Architekturbüro, aber die zunehmenden Schwierigkeiten, die sie als Musikerin bekam, bewogen sie, 1999 nach Frankreich überzusiedeln. Gleichwohl ist sie mit dem Heimatland nach wie vor verbunden. Bislang veröffentlichte sie fünf Scheiben (etwa alle zwei Jahre eine). Die Lieder auf Deb, zu denen sie sich selber auf der Gitarre begleitet, stammen aus ihrer Feder und weisen einen ganz eigentümlichen Stil auf, eine Mischung aus arabisch-kabylischer, spanischer und französischer Liedkultur. Die Texte sind meistens arabisch,  und tatsächlich schafft sie es, uns die fremde Schönheit des Klangs dieser harten Sprache nahe zu bringen. Mein Lieblingslied ist Das Gute und das Böse: Als das Böse voll geheuchelten Mitleids an das Gute herantrat und seine Hilfe anbot, „zweifelte das Gute nicht an den Worten des Bösen und stieg auf seinen Rücken“.

 

Sand und Feuer

 

Im heimatlichen Werbeblatt las ich neulich über zwei junge Libyer. Auf der Seite der Anti-Gaddafi-Rebellen verwundet, wurden sie hier im Krankenhaus als Freiheitshelden behandelt. Schöne Freiheit habt Ihr erkämpft: Euer Land ist zerstört und jetzt genauso souverän wie unseres (Finanzminister Schäuble räumte es neulich schrecklich-schön offen auf einem Bankster-Kongreß ein, siehe http//iknews.de/2011/11/20/dr-schauble-die-fiskalunion-kommt-binnen-24-monaten): Frei zur Ausbeutung durch das supranationale Kapital. Von dem habt Ihr Euch zum Sieg tragen lassen…

 

Wie kam es, daß wir so wehrlos geworden sind? Freilich, wir haben den Krieg verloren. Totaler wäre keine Niederlage denkbar. Der Blutzoll, die Zerstörungen waren ungeheuer. Aber wir hatten immer noch klasse Leute: Fähige, mutige, tatkräftige Frauen – und Männer, die einmal die besten Soldaten der Welt waren. Immer wieder lese ich die Geschichten ihrer Kriegstaten und die ihres Nachkriegswerdeganges. Eine dieser Geschichten ist die von Martin Drewes unter dem Titel Sand und Feuer. Drewes, ursprünglich Panzerfahrer, wechselte im Dritten Reich bald zur jungen Luftwaffe und flog fast den ganzen Krieg lang die zweimotorige Me 110, eines der schönsten deutschen Flugzeuge, legendär nicht allein durch Heß´ Englandflug. Schande über die Kleingeister, die Heß vergangenes Jahr aus seinem Grab zerrten! Soll der Mensch lachen oder weinen über die Wiederholungen der Geschichte? 1941 versuchte Iraks frei gewählter (und deutschfreundlicher wie –sprechender) Ministerpräsident al Gailani die britische Vormund- und Ausbeuterschaft abzuschütteln. Die Briten reagierten wie gehabt – mit dem Einfall ihrer Truppen, denen die Iraker kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Sie baten Deutschland um Hilfe (ja, wir waren mal die Hoffnung freiheitsdurstiger Völker; heute werden wir zunehmend als die Büttel ihrer Unterdrücker wahrgenommen), und der „Führer“ ordnete angeblich an, „durch eine heroische Geste möglichst viel Wirbel zu machen“. Diese Geste bestand im wesentlichen in der Entsendung von etwa einem Dutzend Zerstörer eben des Typs Me 110 samt Personal. Der junge Oberleutnant Martin Drewes („Wo soviel Sand ist, kann auch keiner ins Gras beißen“) war mit dabei und versuchte, durch Tiefangriffe die irakischen Bodentruppen zu unterstützen. Allein, die zehnfache Übermacht der britischen Luftwaffe war zu groß, der Nachschub mangelhaft, bald mußten die Iraker ihrem Schicksal überlassen werden. Zurück im Reich kam Drewes dann zu seiner eigentlichen Bestimmung, der Nachtjagd, wo er sehr erfolgreich war. Fünfzig viermotorige Bomber der Briten, beziehungsweise der Amerikaner schoß er mit seiner haifischmaulbemalten Me 110 ab. Aber was für Kämpfer waren das, wieviel Tapferkeit und Nervenstärke erforderten solche nächtlichen Einsätze! Trotz aller Erfolge lichteten sich die eigenen Reihen, die Überlegenheit der Alliierten wurde immer drückender, der Kampf aussichtsloser, eine Stadt nach der anderen versank in Schutt und Asche. Als es keine kriegswichtigen Ziele mehr gab, wurde begonnen, die übriggebliebenen Städte zu bombardieren. Und solange bombardiert wurde, fühlten die Piloten sich verpflichtet zu jagen.

 

Drewes schreibt packend, mitreißend, aber nie romantisierend oder überhöhend, immer getreu dem preußischen Motto „Mehr sein als scheinen“. „Ich denke heute (da ich die Neunzig überschritten habe) vielleicht öfter an sie [die gefallenen Kameraden, F.B.] als in früheren Jahren. Was bewegt einen Mann, der im Einsatz ein Auge verlor oder auf andere Weise zum Krüppel geschossen wurde, wieder gegen den Feind zu fliegen? (…) Vor jedem Feindflug überwanden sie aufs Neue ihre Zweifel, ihre Gebrechen und ihre Liebe zum Leben, sie opferten sich am Ende für das Überleben anderer. Kann es eine höhere Tugend unter uns Menschen geben?“

 

Sein Adjutant zu dieser Zeit war – ich lese und staune – Walter Scheel, der spätere Bundesaußenminister und noch spätere Bundespräsident. Er scheut sich nicht, seinem damaligen Vorgesetzten ein Vorwort beizusteuern: „Nie wieder haben wir in tiefere Abgründe geblickt. (…) Martin Drewes war gerade 25 Jahre alt, da trug er bereits Verantwortung für die 700 Mann seiner Nachtjagdtruppe. (…) Manchem war bewußt, welchem Regime er diente, aber wer je von oben die Feuerhölle der brennenden Städte sah, fühlte sich zur Tapferkeit verpflichtet.“ Kein Zweifel, was diese Generation durchgemacht hat, ist beispiellos. Aber was wurde aus ihnen nach Kapitulation und Kriegsgefangenschaft? Die meisten von ihnen packten an und wurden erfolgreich – als Geschäftsleute (wie Drewes) oder Politiker (wie Scheel). Manche scheiterten auch, wie Drewes alter tapferer Kamerad Willy Herget (57 Abschüsse), der 1974 an einem Schlaganfall nach geschäftlicher Pleite starb. Die „BILD“-Zeitung zog über ihn her. „Gut möglich, daß der Schmierfink (…) 30 Jahre vorher in einem Schutzkeller gesessen hat, während  Herget die Bomber über ihm unschädlich machte“ kommentiert Drewes. Der Name des „Schmierfinken“? Der gleiche, der dieses Jahr in „BILD“ über Rudolf Heß schrieb: „Ich bin glücklich, daß dieses Schwein nicht mehr auf einem Friedhof liegt…“: Franz-Josef Wagner.

 

Aber das Reich? Trugen sie es noch in sich? Vergaßen sie es  oder waren sie einfach weltklug? Ich maße mir kein Urteil an wie die Klugscheißer von der anderen Feldpostnummer (hat einer von denen irgendeinen Krieg verhindert, in den die BRDDR verwickelt war und ist?), aber ich verstehe es nicht und möchte es so gerne verstehen. Wenn es Kurt Schumacher, der erste Nachkriegsvorsitzende der SPD, begriff („Kanzler der Alliierten“ zu Adenauer) und Carlo Schmid (die Bundesrepublik ist die „Organisationsform einer Modalität der Fremdherrschaft“), einer der Väter des Grundgesetzes, das heute so schamlos ad absurdum geführt wird, mußten es doch auch diese Krieger wissen. Aber hier schweigen die meisten von ihnen.

 

Wir wissen so vieles nicht und schätzen so vieles falsch ein. Welche Mißverständnisse erwuchsen aus dieser Schweigsamkeit, gerade zwischen der Kriegsgegeration und  ihren Kindern, den sogenannten „68ern“. Beide kämpften,  auf ihre Weise und in ihrer Zeit – und gegeneinander. Die Kriegsgeneration hatte gegen die amerikanischen Bomben auf Deutschland  gekämpft, die 68er kämpften gegen die amerikanischen Bomben auf Vietnam. Zu diesen schwiegen die alten Krieger. Ob deshalb ihre Söhne die Mischung aus Bigotterie, Konsumismus, Prüderie, Überheblichkeit und Skrupellosigkeit, für die die USA standen und stehen und die ihre Väter anscheinend so anstandslos übernommen hatten, für Faschismus hielten? Und deshalb den Kampf an der Westfront fortsetzten? Ohne es – genauso wie ihre Eltern – zu begreifen?

 

Fiume oder der Tod

 

Sicher ist das Wort „Faschismus“ die meistge- und gleichzeitig mißbrauchte Bezeichnung der neueren Geschichte. Fast keiner von denen, die das Wort im Munde führen (je öfter, je lieber) hat  eine Ahnung, was dieser Begriff überhaupt  bedeutet. In dieser Beziehung hat Stalin genial gewirkt. Vorderhand! Denn während links phrasenreiche Stagnation herrscht, wird rechts gestritten und gerungen. Geerbte Siege machen bequem, geerbte Niederlagen widerspenstig.

 

Oliver Ritter hat mit seinem Büchlein Fiume oder der Tod in erzählerischer Form eine tiefere Erklärung versucht. Ein fiktiver Gesprächspartner schildert ihm darin den Einzug des – tatsächlich – faschistischen Dichters Gabriele D´Annunzio und seiner kleinen Armee in die zwischen Italienern einerseits und Slowenen und Kroaten andererseits umstrittene Adriastadt Fiume.

 

Der 1960 geborene, studierte Theologe Ritter ist einer breiteren Leserschaft durch seine Bücher Magische Männlichkeit und Mysterium Weib bekannt. Daß es dem Regin-Verlag gelungen ist, nun einen weiteren eigenwilligen Denker (aber ist das nicht ein schwarzer Rappe?) zu betreuen, ist sicher ein großer Wurf. „Literatur soll zum Denken anregen, nicht bloß zum Kopfnicken“ schreibt Dietmar Sokoll, der Chef des Hauses.

 

Natürlich, Faschismus ist keine Meinung, aber ist er ein Versprechen, Verzeihung, Verbrechen? Weder das eine noch das andere, Faschismus ist ein Stil, eine Haltung.

 

Die Masse ist eine Erscheinung der Moderene. Wenn es denn  schon Massen gibt, so sollen es keine stumpfen Verbraucher- oder Sklaven-, sondern begeisterte Krieger- und Künstlermassen sein. Während der Kommunismus den Neuen (Gleichheits-) Menschen durch Ingenieure der Seele  kreieren wollte, strebte der Faschismus den antiken götternahen Übermenschen an. Dort Politisierung der der Ästhetik, hier Ästhetisierung der Politik – und dies bis zum Exzeß. Im Kommunismus sollte der Mensch funktionieren, im Faschismus feiern, alles sollte groß und rauschhaft sein. Oliver Ritter schreibt wortgewaltig und zeigt – ohne das zu sagen -, daß der Faschismus nicht das unsere ist. Nicht, weil D´Annunzio gescheitert wäre, Mussolini seinen Abzug aus Fiume erzwang, sondern weil unser der Norden ist mit seinen kalten Wintern, weil bei uns vor der ausgelassenen Feier die harte Arbeit steht, vor dem Rausch die Pflicht und selbst im Traume noch die Wachheit, weil wir nicht leicht wie der Wind, sondern schwer wie die Erde sind. Nein, wir wollen keine Massen, auch keine begeisterten, wir wollen starke einzelne, die nie das Ganze aus dem Blick verlieren. Fiume oder der Tod wühlt auf – und wird manchem verirrten Landsmann als Reiseführer zurück nach Hause dienen.

 

Stephan Steins und das NSU-Phantom

 

Ein anderer, der sich seine eigenen Gedanken über den Faschismus macht, ist Stephan Steins, ebenfalls Jahrgang 1960, Herausgeber der Roten Fahne. Sie ist der „traditionsreichtse Zeitungstitel Deutschlands“. Erstmals 1876 erschienen, seit 1918 durch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht herausgegeben, 1933 verboten, 1992 von Stephan Steins im Auftrag des „Zentralen Koordinationskomitees der KPD (Initiative)“  (?) wiederherausgegeben, erscheint sie seit 2000 als erste reine Weltnetzzeitung.

 

Stephan Steins würde mir sicher vorwerfen, Kommunismus und Stalinismus zu verwechseln, und tatsächlich hörte ich ihm gerne zu. Denn was und wie er schreibt, ist von Nachdenklichkeit geprägt. „Auch die Auflösung familiärer Strukturen, neuerdings sogar die Leugnung biologisch determinierter Geschlechter, all die faschistoiden ideologischen Exzesse dienen dazu, den ungeschützten, imperialen Einheitssklaven zu kreieren. Für Sozialisten ist der Schutz der Familie und der Heimat, im Sinne des kulturellen Selbstbestimmungsrechts, eine Selbstverständlichkeit.“ (aus einem Pressegespräch mit der Weltnetz-Zeitung Muslim-Markt, http://www.muslim-markt.de/interview/2010/steins.htm).

 

Du siehst, lieber Leser, er hat seine eigenen Definitionen, auch wenn unsereiner bei der Überschrift zu einem Kommentar über den nebulösen „Nationalsozialistischen Untergrund“ zunächst stockt: „Es sind mehr als 150 Opfer rechter Gewalt.“ Steins unterscheidet zwischen imperialen und nationalen Rechten. Imperiale Rechte sind für ihn Angela Merkel oder Claudia Roth, die die Hatz „gegen Rechts“ nur veranstalten, um von ihren imperialen Kriegen und deren Opfern abzulenken: „Wer die Probleme der gescheiterten Multikulti-Politik der vergangenen Jahrzehnte auch nur kritisch hinterfragt, wird entsprechend stigmatisiert in eine Reihe gestellt mit faschistischen Gewalttätern. (…) In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Zahl von rund 150 Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 genannt. Diese Zahl ist höchst unvollständig. Allein beispielsweise im September 2009 masskrierten deutsche NATO-Truppen in Afghanistan über 100 Zivilisten, darunter auch Kinder, während eines Luftangriffs.. (…) Diese Opfer, ebenso wie jene des NATO-Krieges gegen Jugoslawien und andere imperiale Waffengänge, finden keinen Eingang in die offizielle BRD-Statistik über Opfer rechter Gewalt. Erst dieses Jahr ermordeten die NATO aus der Luft und ihre Söldner am Boden über 50.000  Menschen in Libyen. Rechtsextremismus? Imperialismus und Faschismus? Rassismus? Aber nein doch!

 

Gäbe es keine Hollywood-Hitleristen, müsste die imperiale Rechte diese erfinden. Denn nichts ist plakativer und wirkungsvoller dazu geeignet, von den eigenen Verbrechen abzulenken. Da kommt eine Terrorganisation `Nationalsozialistischer Untergrund´ gerade wie gerufen.“

 

Stephan Steins hält den Zionismus für eine Abart des Faschismus, wobei ihm hier Arthur Koestler wiederum heftig wiederspräche. Ja, lieber Leser, bald weiß keiner mehr, was er ist. „Wo die Begriffe schwanken, fallen die Ordnungen“ schreibt Lao Tse. Tatsächlich helfen in diesen Zeiten fallender Ordnungen Begriffe kaum noch weiter. Was heißt das schon, wenn einer von sich oder einem anderen sagt, er sei ein Rechter, Linker, Faschist, Kommunist, Demokrat, Moslem, Christ oder was auch immer? Es kann dieser oder jener, Friedrich von Spee oder Konrad von Marburg sein. Jürgen Elsässer (http://juergenelsaesser.wordpress.com) versucht ja, der Zwickmühle zu entgehen, indem er sagt „Wir sind nicht rechts, nichts links, sondern vorn“ – aber das ist letztlich auch nichtssagend (davon unabhängig finde ich seine „Volksinitiative“ durchaus sympatisch und fruchtbar).

 

Zwei Filme über den Islam

 

Was bleibt, ist – neben der biologischen und volklichen Bestimmtheit (Ausnahmen bestätigen die Regel) – nur das persönliche Verhalten, die eigene Wahrhaftigkeit. Stephan Steins jedenfalls ist ein eigener mutiger Kopf, dessen Betrachtungen zu lesen allemal lohnt.

 

Da er die Probleme der „gescheiterten Multikulti-Politik“ ansprach, komme ich auf einen Film zu sprechen, der genau darauf eingeht. Es handelt sich um den Film Die Fremde von Feo (eigentlich Feodora) Aladağ („Aladah“ gesprochen). Diese, 1972 in Wien geborene Schenk, arbeitet als Schauspielerin, Spielleiterin und Drehbuchautorin, unter anderem auch für die öffentlich-rechtlichen bundesrepublikanischen Fernsehanstalten. Letzteres, sowie auch die Tatsache, daß Die Fremde mit dem Deutschen (sprich bundesrepublikanischen) Filmpreis ausgezeichnet wurde, sollte uns nicht an vorurteilsloser Sicht hindern. Es geht um die Geschichte einer jungen türkischen (zwangsverheirateten?) Frau, die die Enge innerhalb ihres Familienverbandes nicht mehr erträgt und ausbricht. Die Familie kann das nicht hinnehmen und schreitet zur Tat. Mir gefällt der Film, weil er die unausweichlichen Multikulti-Verwicklungen aufgreift: Die Familie der Fremden ist nie in Deutschland angekommen, sondern hat nur ein Stück Türkei hierhergebracht. Diese Türkei lebt und ist kraftvoll. Die Loyalität zu ihr ist größer als die zur eigenen Tochter, geschweige denn zur Bundesrepublik. Ich bewundere ja den Zusammenhalt der mediterranen bis moslemischen Familien, aber begreife nicht, wie der Ruf bei den Leuten höher stehen kann als das eigene Blut. Wer das im Stich läßt, ist für mich ehrlos!

 

Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen Mitleid für die freiheitsdurstige Tochter (einfühlsam gespielt von Sibel Kekilli) und Respekt vor der Familie, die die hier unter „Freiheit“ firmierende, grassierende Abwertung aller Werte nicht mitmachen will und kann. Der Film zeigt unmißverständlich auf, daß es keine befriedigende Lösung dieses Problems gibt. Es kann ein Nebeneinander fremder Kulturen ebensowenig geben wie ein Drittes zwischen Töten und Lebenlassen.

 

Ein weiterer sehenswerter Film – ebenfalls von einer Frau, ebenfalls prämiert, ebenfalls die Multikulti-Blende zerreißend – ist Zwischen uns das Paradies der Bosnierin Jasmila Zbanic, geboren 1974 in Sarajewo. Hier kommt ein junger bosnischer Moslem nicht mehr mit seiner selbstbewußten und –ständigen hübschen Frau zurecht, beginnt zu trinken, verliert seine Arbeit und wird aufgefangen von einem alten Kameraden aus den Tagen des bosnisch-herzegowinischen Bürgerkriegs. Der Kamerad hat eine ähnliche Entwicklung hinter sich und im wirklich praktizierten Islam seinen Frieden gefunden. Jugoslawien ist ja das Paradebeispiel für den Wahnsinn des Zwangsvielvölkerstaates. Jahrezehntelang von der harten Faust Titos unterdrückt, brachen sich alle aufgestauten Widersprüche blutig Bahn – gerade in und um Sarajewo, einst der Vorzeigestadt, in der Moslems, Juden und Christen friedlich zusammenlebten. Bis heute ist dort kein wirklicher Friede eingekehrt. Der Film verteufelt den Islam nicht, sondern offenbart seine magische Kraft und Schönheit. Allein die Szene in der Moschee, wo besagter Kamerad von Gottes Größe singt, macht diesen Film sehenswert und lehrt mehr über den Islam als noch so viele Bücher. Trotzdem will ich den Islam (getragen von zumeist fremden Volksgruppen, was jucken mich die paar Konvertiten) nicht hier haben. Nicht, weil er schlecht, gar böse wäre, sondern weil er nicht das unsere ist und weil wir ihm metaphysisch nicht mehr und noch nicht wieder etwas entgegenzusetzen haben. Wir wurden allein in den letzten hundert Jahren zweimal fürchterlich geschlagen, wir sind entwurzelt und gleichzeitig gemästet, dabei einem dauernden Seelenmord unterworfen. Unsere Kirchen sind leer und hohl geworden – und noch haben wir den Weg in die Heiligen Haine nicht wiedergefunden. Islam heißt Unterwerfung und „deutscher Boden duldet keine Knechtschaft“ (Jakob Grimm), auch nicht unter einen Gott. Unseren Göttern treten wir freien Sinnes und freien Blickes gegenüber, Männer wie Frauen, und über das höchste, das God wagen wir keine Aussagen, schreiben ihm erst recht weder Eigenschaften noch Worte zu, ahnen bloß, daß es in allem wirkt und gegenwärtig ist.

 

Musikalische Schätze aus dem Baltikum

 

Es gibt Völker, die haben in diesen letzten hundert Jahren einen relativ höheren Blutzoll entrichten müssen als wir, waren entrechteter als wir und haben sich trotzdem nicht verloren. Ein Bekannter (hier nochmals herzlichen Dank!) machte mich unlängst auf eine litauische Musikerin und eine estnische Gruppe aufmerksam, die mich beide begeistern. Zuerst die Sängerin: Sie heißt Alina Orlova und ist 1988 geboren. Wie Souad Massi schreibt sie ihre Lieder selbst, begleitet sich dazu aber nicht auf der Gitarre, sondern dem Klavier. Während Souad Massis Stimme wie Quellwasser perlt, wirk die der rothaarigen Alina Orlova wir klingendes Glas. Ihre zweite Scheibe, auf der sie vorwiegend litauisch, aber auch englisch und russisch singt, heißt Mutabor. Wer sich noch an Wilhelm Hauffs Märchen vom Kalif Storch erinnert, weiß, daß das lateinisch ist und „ich werde verwandelt“ heißt. Wie die der Kabylin sind Orlovas Lieder von ganz eigenem melancholischen und doch vorwärtsdrängenden Stil. Mein Lieblingslied ist gleich das erste:

 

Sirdis (Herz)

 

Wieviele Lichter in dieser Stadt

Mir ist schwindlig

Ich tanze für ihn

So barfuß, so nackt

Und er kann´s nicht sehen…

 

Aber auch das russische …, ach, hier jetzt auf andere Lieder einzugehen, sprengte den Rahmen, und doch müßte jedes Lied einzeln besprochen werden, weil jedes anders ist. Weiter, weiter also, nach Estland, zur Gruppe Metsatöll. Die haben zusammen mit dem estnischen (weltweit einzigen hauptberuflichen) National-Männerchor Curse upon Iron (Fluch des Eisens) als Musik- und Konzertfilmscheibe herausgebracht und hier muß ich jetzt wirklich meine Begeisterung bremsen. Das ist das, was ich mir für Deutschland immer erträume: Daß sich mein Volk in seiner Musik in eins findet! Da ist das Publikum, vereint über Alters- und Klassengrenzen hinweg, mitsingend und lauschend einem Konzert mit Schamanengesängen, Liedern aus dem finnischen Nationalepos Kalevala (das Finnische, Estnische, Ungarische und Türkische sind ja über soundsoviele Ecken miteinander verwandt), sowie Volks- und Kunstliedern. Vorgetragen werden sie vom klassischen Chor (mit Dirigent und in Anzug und Fliege) und den langhaarigen, bärtigen, lederbehosten Metsatöll-Rockern, die allerdings nicht nur elektronische, sondern auch akustische traditionelle estnische Instrumente spielen. Das ganze ist ein Rausch, ein Traum, ein Gedicht. Eins mit seinem Volk, seiner Geschichte, seiner Musik – wie schön muß das sein!! Freilich, an den Esten wurde nur (?) Völkermord, kein fortwährender Seelenmord wie an uns verübt. Aber trotzdem, trotzdem. Was die Esten hier geschafft haben, müssen wir auch schaffen. Mag die Rolle gewisser Elemente noch so infam sein, an uns liegt´s, nur an uns, das Eigene zu pflegen, zu bewahren, weiterzuzüchten, zu leben. Es kommt kein Tag und keine Regierung, die uns bringen wird, was wir selbst zu bringen haben. Hört, Leute, hört die Lieder von Meer und Sturm und Fels und Kampf und alten Göttern und faßt Mut! Auch wir haben das und müssen es nur wiederfinden und von Schutt, Asche und Müll befreien. „Völker sind Gedanken Gottes“ – wie gegenwärtig wird mir bei diesem Konzert Herders großartige Erkenntnis!

 

Der Choral von Leuthen

 

Nein, ich kann jetzt nichts vergleichbares Deutsches anbieten wie eine Afführung des Hildebrandliedes durch die Gruppe Rammstein und das Berliner Symphonie-Orchester. Aber anderes schönes großes Deutsches schon. Zum Beispiel den Film Der Choral von Leuthen aus dem Jahre 1933.  Kennt noch jemand den Kinderspruch „Der Leutnant von Leuthen befahl seinen Leuten, nicht eher zu läuten, als bis der Leutnant von Leuthen seinen Leuten das Läuten befahl“? Also: Üben! Zum Film: „Schlesien 1757: Mit letzter Kraft schleppt sich die von den Österreichern geschlagene preußische Armee heimwärts.“ (Klappentext). König Friedrich II. stößt in Eilmärschen zu ihr, nachdem er bei Roßbach die Franzosen geschlagen hat, um eine Katastrophe zu verhindern. Selbst erschöpft, entwirft er noch in der Nacht einen Schlachtplan, ein Spiel um alles oder nichts. Und tatsächlich, die Österreicher werden besiegt. In überströmender Dankbarkeit stimmen Friedrichs Truppen den Choral „Nun danket alle Gott“ an. Nur Friedrich reitet voraus, um die Verfolgungslinien für den nächsten Tag auszumachen. Er gerät auf ein Schloß und mitten zwischen die Offiziere eines österreichischen Kommandos unter Führung des Preußenhassers Oberst Rawitsch. Der König scheint nun doch verloren, wären da nicht seine Contenance und --- der Choral… Auch wenn  Joseph Goebbels seinerzeit urteilte: „Das schlechteste vom Schlechten. Patriotischer Kitsch. Brechreiz!“, ich finde den Film klasse, besonders Otto Gebühr in der Rolle des großen Friedrich gefällt mir mit seinem trockenen Spiel. Irgendwann muß die deutsche Seele auch mal siegen und und entspannen! Schade nur, daß Friedrich statt Kaiserin Maria Theresia nicht die Kanzlerin, geschiedene Merkel, geborene Kasner, verheiratete Sauer schlagen kann. Wie singt Lunikoff so schön? „König Friedrich, steig hernieder/ und regiere Preußen wieder, / hilf mit Deiner starken Hand/ unser´m armen Vaterland“ und „tritt die ganze herrschende politische Klasse in ihre faden Ärche“ füge ich hinzu.

 

Na gut, begeben wir uns in höhere Schichten, aber bleiben wir bei Lunikoff. Ich habe vor, bei der nächsten Million (lange kann´s nicht mehr dauern) eine Oper, die deutsche Oper, Der Freischütz von Carl Maria von Weber zu inszenieren, und zwar von Volkssängern, wie zum Beispiel Lunikoff, den ich für die männliche Hauptrolle vorgesehen habe. Für die weibliche denke ich mir die Kleingeldprinzessin Dota Kehr. Die Ariensätze würden transponiert werden in natürliche Lagen, in denen die Texte besser verständlich wären. Wieso ist eigentlich bis heute niemand auf so etwas gekommen? Bis dahin empfehle ich die filmische Umsetzung dieses Opernstoffes von Jens Neubert mit Michael König, Michael Volle und Juliane Banse in den Hauptrollen, sowie dem Londoner Symphonie-Orchester und dem Rundfunkchor Berlin. Warum es die deutsche Oper ist? Weil auch deutsche Komponisten sich bis dahin einerseits oft an Italienisch als Opensprache hielten, andererseits Stoffe anderer Völker vertonten. Carl Maria von Weber vertonte aber ein deutsches Libretto nach einem deutschen Sagenstoff, stellte deutsche Charaktere dar, verzichtete auf allzu gekünstelte Arien, ließ sich von deutscher Volksmusik und deutschen Volkstänzen inspirieren und das Ganze sogar im deutschen Wald spielen. „Wohin auch dein Genius dich trug, doch blieb er mit tausend zarten Fasern an dieses deutsche Volksherz gekettet, mit dem er weinte und lachte, wie ein gläubiges Kind, wenn es den Sagen und Märchen der Heimat lauscht.“ pries Richard Wagner seinen Wegbereiter. Während die filmische Aufnahme der Hamburgischen Philharmonie von 1968 (auch durchaus sehenswert) die Oper dem Libretto gemäß in der Zeit kurz nach dem 30jährigen Krieg in Böhmen spielen läßt, verlegt Jens Neubert die Handlung nach Sachsen in die Zeit des anti-napoleonischen Befreiungskrieges 1813: Der ehemalige Soldat und jetztige Jägerbursche Max will Agathe, die Tochter seines Försters heiraten. Ein alter Brauch fordert, daß die Erlaubnis zur Heirat nur erhält, wer vor seinem Fürsten einen erfolgreichen Probeschuß tut. Am Abend vorher verliert Max aber gegen einen Bauern ein Preisschießen und ist voll böser Vorahnungen. Sein Kamerad, den Agathe einst verschmäht hat, sieht die Gelegenheit zur Rache gekommen. Er schwärmt Max etwas von magischen Freikugeln vor, die stets treffen. Obwohl Max Kaspar nicht traut, sagt er zu, gegen Mitternacht in die verrufene  Wolfsschlucht zu kommen, um die Kugeln zu gießen. Vorher trifft er noch Agathe, die vergeblich versucht, ihn von diesem Gang abzuhalten, obwohl sie nichts von den Freikugeln weiß. Diese werden unter greulichen Umständen gegossen. Max weiß nicht, daß Kaspar einem Pakt mit dem sagenhaften Schwarzen Jäger, Samiel geschlossen hat, wonach Max´ Kugel Agathe treffen soll. Am nächsten Tag fordert der Fürst  Max auf, eine weiße Taube zu schießen. Agahthe rennt hinzu, ruft, daß sie die weiße Taube wäre, aber zu spät, der Schuß kracht, Agathe stürzt zu Boden…

 

Ich hasse es, in Opernaufführungen zu gehen. Ich ertrage das zumeist geleckte Publikum nicht und finde das Gehabe der Darsteller ziemlich affig. Diese Opernverfilmung aber hat mich sehr angerührt, weil trotz des Kunstgesanges Charaktere und Handlung echt wirken. Alle Darsteller spielen so stark, daß ich keinen einzelnen herausheben mag. Na ja, die digitalen Effekte in der Wolfsschlucht hätte Jens Neubert sich sparen können. Und beim Beiheft, das nur aus einem wenig informativen Blatt besteht, hätten die Herausgeber nicht so knickerig sein müssen. Aber sonst: Der Film wurde in der Sächsischen Schweiz gedreht und die Bilder sind so großartig wie die Orchestermusik, die unter dem temperamentvollen Daniel Harding in den berühmten Londoner Abbey Road Studios aufgenommen wurde. Und die Musik selbst … was soll ich sagen, etwas größeres als groß gibt es doch gar nicht.

 

Zum Schluß möchte ich auf zwei Bücher hinweisen, die uns in Erinnerung rufen, was die Weihenacht eigentlich ist: Das größte Fest unserer Ahnen, die Wintersonnenwende! Die Nächte, die seit der Sommersonnenwende immer länger geworden sind, werden nun langsam wieder kürzer. Die Sonne hat ihren tiefsten Punkt im Jahreskreis erreicht und steigt wieder höher. Wenn auch der Winter gerade erst richtig anfängt und Wochen, wenn nicht gar Monate mit Eis, Schnee und Kälte noch vor uns liegen, den Lauf der Sonne hält niemand auf. Unsere Verheißung gilt nicht für einen Sankt-Nimmerleins-Tag: Das Licht kehrt wieder.

 

Aber wie feiern? Wo doch gefeiert werden muß! Mühsam forschen wir in unseren tiefsten Erinnerungen. Die beiden Bücher helfen dabei. Da ist einmal das in neuer Auflage im Arun Verlag erschienene Buch Die geweihten Nächte von Björn Ulbrich und Holger Gerwin. Sicherheitshalber schaute ich mal bei amazon. de die diesbezüglichen Kundenrezensionen an. Eine aufmerksame Smina schreibt da unter der Unterschrift „Fast gekauft und dann erschrocken“: „Als ich viel Positives über das Buch gehört hatte…: der Ritualteil sehr ausführlich, brauchbar und tiefgründig geschrieben, hätte ich es beinahe glücklich erworben, als ich davon hören mußte, daß sowohl Verlag als auch Autor anscheinend viel `braunes Wurzelwerk´ haben… Und bevor man es kauft (und damit Verlag und Autor unterstützt, F.B.), weil man eben doch den Ritualteil wünscht: Empfehlenswert ist Diana Monsons Lebenslustig mit Kindern durch den Jahreskreis. Sehr familiengerechte Aufarbeitung alten Wissens.“ Na, dem schließe ich mich gerne an (man kann doch gar nicht genug aufpassen!), auch dieses Buch kenne ich, habe aus ihm einiges gelernt und – es regt an, Kindern die Sonnenfeste nahezubringen. Und Leute, tatsächlich, was wäre das Julfest ohne Kinder. Also, wenn Ihr noch keine habt, nutzt die langen Nächte. Und vergeßt mir nicht die Landsleute, die wegen Gedankenverbrechen im Gefängnis sitzen!*

 

*) Horst Mahler, Anton-Saefkow-Allee 22c, D-14772 Brandenburg, Kontoverbindung JVA Brandenburg, Mittelbrandenburgische Sparkasse, Kontonummer 3617000354, Bankleitzahl 160 500 00, Verwendungszweck H. Mahler/ 23.1.1936/ Einkau

 

Souad Massi: Deb, Audio-CD, Wrasse-Records 2003, 12 Titel, 19,90 T€URO

 

Martin Drewes: Sand und Feuer, NeunundzwanzigSechs Verlag, Moonsburg, 2011, gebunden, 282 Seiten, 39,80 T€URO

 

Oliver Ritter: Fiume oder der Tod, Regin-Verlag, Preetz, 2010, broschiert, 62 Seiten, 9,95 T€URO

 

Stephan Steins: Die rote Fahne, Weltnetzzeitung, abzurufen unter http://dierotefahne.eu

 

Feo Aladağ: Die Fremde, Twentieth century Fox Home Entertainment, 2011, DVD, (freigegegebn ab 12 Jahre)114 Minuten, 9,99 T€URO

 

Jasmila Zbanic: Zwischen uns das Paradies, Indigo, 2011, DVD (freigegegebn ab 6 Jahre), 99 Minuten, 14,99 T€URO

 

Alina Orlova: Mutabor, Monaco-Music, 2011, Audio-CD, 14 Titel mit Beiheft, 15,99 T€URO

 

Metsatöll und der Estnische nationale Männerchor: Curse upon Iron, Westpark Music, 2007, Adio-CD und DVD, insgesamt 15 Titel, mit Beiheft, 16,99 T€URO

 

Carl Froelich, Arzen von Cserepy: Der Choral von Leuthen, Polar-Film,2011, DVD (freigegeben ab 16 Jahre), 83 Minuten, 13,99 T€URO

 

 Carl Maria von Weber: Der Freischütz, Constantin-Film, 2011, DVD, freigegebn ab 12 Jahre, 16,99 T€URO

 

Björn Ulbrich, Holger Gerwin: Die geweihten Nächte, Arun-Verlag, Uhlstädt-Kirchhasel, 2009, kartoniert, 126 Seiten, 19,95 T€URO

 

Diana Monson: Lebenslustig mit Kindern durch den Jahreskreis, Arun-Verlag, Uhlstädt-Kirchhasel, 2009, gebunden, 344 Seiten, 29,95 T€URO

 

aus Nummer 17, Sommer 2011

 

Lieber Leser,

 

„Laß doch die alten Sachen ruhen, es ist vorbei“ – so oder ähnlich stöhnte und stöhnt manch biederer Landsmann seit Gründung der BRD. Aber es ist nie etwas vorbei, immer wirkt es weiter – zum Guten, wenn eine fruchtbare Zeugung, zum Schlechten, wenn eine nicht geheilte Verletzung, ein nicht beigelegter Streit einen Anfang setzte in unserer unendlichen Geschichte. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“ (Hermann Hesse), ob’s ein guter oder böser war, ist in unserer Welt, in der alles nur durch sein „Gegentum“ existiert, oft erst nach langer Zeit rückblickend zu erkennen. Unsere Anfänge sind dabei immer nur Hilfspunkte, Markierungen, die wir – manchmal aus Not, manchmal wider besseres Wissen, manchmal in unbändiger Lebensfreude – setzen.

 

Vor 25 Jahren löste der Historiker Ernst Nolte mit seiner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Rede „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ den sogenannten „Historikerstreit“ aus. Merkwürdig, wie sich solche, einmal aufgebrachten Bezeichnungen halten! Dieser Streit war nichts weniger als einer unter Historikern. Es war einer zwischen Geschichts-Forschern und -Ideologen. Zwischen solchen kann es keine Verständigung geben, denn während jene alles sammeln, um irgendwann ein Bild zu erhalten, von dem sie wissen, daß es im besten Falle nur eine Annäherung sein kann, schmähen diese alles, was ihrem vorgefertigten Bilde widerspricht. Jeder ernsthafte Forscher ist notwendig Revisionist, jeder – hm! – „Ideot“ scheut historische Revisionen wie der PosoVo (politisch korrekter sogenannter Volksvertreter) das Volk. Nicht will die Vergangenheit nicht vergehen, sie kann es nicht – nicht, solange sie fortwährend weniger bewältigt als vergewaltigt wird zum Zwecke der fortgesetzten Nötigung der Besiegten und ewigen Verherrlichung der Sieger! Wie leicht geriete unsereiner in Verzweiflung angesichts der anscheinend unerschütterlich herrschenden Niedertracht und der eigenen Machtlosigkeit, wüßte er nicht, daß Täler durchschritten werden müssen, um Höhen zu erklimmen. Denn jetzt, nachdem wir so lange immer wieder mit der Nase hineingestoßen worden sind, wollen wir die Vergangenheit nicht vergehen lassen, jetzt wollen wir wissen, was alles war und wie es kam. Daß dabei eigene Verfehlung tiefer erschüttert als die anderer, soll uns nicht schrecken.

 

Wen also die Frage, wie etwas kam und was kam, umtreibt, sollte unbedingt das Buch Warum – woher – aber wohin — Vor, unter und nach der geschichtlichen Erscheinung Hitler,  eine Sammlung von 34 Briefen, von Hans Grimm lesen. Grimm war in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts durch den im südlichen Afrika spielenden Roman Volk ohne Raum bekannt geworden. Dem Führer des Dritten Reiches stand er skeptisch gegenüber, wiewohl er dessen Befreiungsschläge aus den Ketten des Versailler Diktates –  wie die meisten Deutschen – begrüßte. Als das nach nur zwölfjähriger Dauer vollkommen zerstörte Reich in Besatzungszonen aufgeteilt wurde, machte Grimm sich an diese Fleißarbeit: „An Sohn und Tochter richte ich diese Briefe und dazu an alle Menschen, die mit den Fragen nach dem Warum und Wohin des deutschen und europäischen Schicksals, wie ich, nicht fertig werden. Es muß dabei von Adolf Hitler als geschichtlicher Erscheinung die Rede sein, einerlei, wie der Einzelne zu ihm steht.“ (aus dem Geleitwort). Grimm setzt früh an, bei seinen Erlebnissen in der Schweiz, in England und in Südafrika gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts. Er zeigt auf, wie der ungeheure Aufschwung des Deutschen Reiches England auf den Plan rief. Das Vereinigte Königreich war ganz selbstverständlich davon überzeugt, der Herr der Welt zu sein (und war es tatsächlich weitgehend ja auch) und sah in Deutschland einen Konkurrenten heranwachsen, der es zwar nicht bedrohte, aber natürlicherweise in einen unbequemen Wettbewerb zwang. Schon in dieser Zeit, vor dem Ersten Weltkrieg, wurde unbefangen öffentlich darüber diskutiert, wie man diesen Konkurrenten möglichst schnell und gründlich wieder ausschalten konnte. Daß man es müßte, darüber bestand kaum Zweifel, es ging um das Wie und Wann. Dies war der Anfang der Unheilsgeschichte, nicht etwa deutsche Verworfenheit. Es folgte der Wahnsinn des Ersten Weltkrieges, der Sündenfall Versailles und die Bedrückung und Verelendung Deutschlands, das Gefahr lief, bolschewisiert zu werden. Es kam die Stunde Adolf Hitlers, der sich aufgerufen fühlte, Deutschland und damit den Kontinent vor dieser Gefahr zu  bewahren, der in „traumhafter“ Sicht einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus sah und nichts weniger wollte als einen erneuten Krieg mit England, geschweige denn einen Weltkrieg; der an sich selbst scheiterte und an der Unfähigkeit Englands, alte „Geglaubtheiten“ über Bord zu werfen. Grimm macht es sich nicht leicht, er tastet, sucht, zweifelt, führt eine ungeheure Menge von Belegen an und schließt mit der Erkenntnis, daß dieser Krieg keine der existentiell drängenden Fragen Europas, gar der Welt beantwortet hat. Die Gefahr der Vermassung der Menschheit und der Planierung der Erde ist größer denn je: „Ihr Kommenden tragt die Bürde noch viel mehr als wir. (…) Beginnen mit Verbitterung und Ehrfurchtslosigkeit läßt sich nichts. Ihr müßt nur wissen, was vor Euch war, Ihr müßt nur die ganze menschenmögliche Erkenntnis der Ursachen Euch erwerben und mit dem Wort Schuld an sich Euch nirgends und nirgendwo zufrieden geben. (…) Ihr seid es, die völlig neue Lebenszustände der Menschheit schaffen müssen, Zustände, dabei nicht der Niedergang von Massenmenschen sich fortsetzt, sondern die fortschreitende Schöpfung ihre Macht behält oder gar wiedergewinnt.“

 

Jenseits von Verklärung und billiger Verdammung

 

Hans Grimm schrieb dies vor 57 Jahren. Mit gewissem Stolz stelle ich hier ein weiteres, aber wirklich brandneues und einzigartiges Buch zur geschichtlichen Erscheinung Hitler vor: Odeonsplatz — Der Aufstieg eines Unbekannten von Werner Bräuninger. Wie ich in dieser Zeitschrift schon schrieb, habe ich alle bisherigen Bücher Bräuningers mit großem Vergnügen und Gewinn gelesen. Nun ein Buch des Autors von Hitlers Kontrahenten in der NSDAP und Claus von Stauffenberg — Die Genese des Täters aus dem Geiste des Geheimen Deutschland über Aufstieg und Fall des Führers? Das versprach spannend zu werden! Und Bräuninger hat mich nicht enttäuscht. Ich habe das Buch nicht in einem Rutsch durch- (dazu bin ich durch Großfamilie und Kleingewerbe zu eingespannt), aber bei jeder Gelegenheit weitergelesen und teile Bräuningers im Nachwort geäußerte Ahnung, daß die „berufsmäßigen Kritikaster“ über ihn herfallen werden. Wäre denn ein größerer Tabubruch denkbar, als Adolf Hitler eben nicht als Unperson zu zeigen? „Die Revision akzeptierter Orthodoxien schreitet in Deutschland bis auf den heutigen Tag nur mühsam vorwärts“, schreibt Bräuninger, was angesichts allein der Verurteilung Horst Mahlers zu 11 Jahren Haft wegen unorthodoxer Äußerungen gelinde untertrieben ist. „In Hitler wird das absolut Böse gesehen. Wem aber dienen solche Teufelsbeschwörungen und mittelalterlichen Kategorien? Sicherlich nicht dem Verständnis dieser Jahrtausenderscheinung.“ In der auf zwei Bände angelegten essayistischen Arbeit zeichnet Bräuninger den Werdegang des Menschen und späteren Politikers und Führers nach, ohne sich dabei von seinem eigenen politischen Standpunkt oder gar dem verordneten Zeitgeist blenden zu lassen. Er versucht, die Welt gleichsam mit den Augen des durchaus sympathisch erscheinenden, antibürgerlichen Individualisten Adolf Hitler zu sehen und versetzt sich mit großem Einfühlungsvermögen in die damalige Welt. Der erste, nun vorliegende Band behandelt die Zeit bis 1935. Der Münchener Odeonsplatz stellt für Bräuninger dabei den Anfangs- und Endpunkt dieser unwahrscheinlichen Geschichte dar. Hier befand sich Hitler in der Menschenmenge, die die tags zuvor verkündete Mobilmachung begeistert feierte: „Niemand hätte an jenem verhängnisvollen Augusttag 1914 auch nur im entferntesten geahnt, daß der kurz zuvor aus Wien nach München gekommene mittellose junge Österreicher Adolf Hitler nur wenige Jahre später zum Führer einer bald schon nach Hunderttausenden zählenden Massenbewegung aufsteigen, als einer der Nachfolger Bismarcks zum Reichskanzler des Deutschen Reiches ernannt und schließlich zum Bewegungszentrum Europas, ja der ganzen Welt emposteigen würde. Nichts hatte ihn für diese Rolle prädestiniert, keine Herkunft, kein Vermögen, keine Schulbildung, kein Beruf.“ Am Odeonsplatz scheiterte Hitlers Putschversuch, zum Odeonsplatz führte ihn nach der Machtüberantwortung immer wieder der Erinnerungsmarsch an die 16 dort gefallenen „Blutzeugen“ zurück, und exakt zu der Stunde, als Adolf Hitler seinem Leben in Berlin ein Ende setzte, nahm die US-Armee diesen Platz ein. Tom Tykwer zeigt in seinem  beeindruckenden Film Lola rennt, wie schmal der Grat aus Zeit und Raum ist, auf dem wir uns bewegen, wie wenig es braucht, um der Geschichte eine andere Wendung zu geben. Geradezu traumwandlerisch aber folgte Hitler seinem Weg, ohne auf einem der vielen möglichen Abzweige im Dunkel der Geschichte zu verschwinden, wie es für eine Randexistenz wie ihn das Wahrscheinlichere gewesen wäre: „Als Hitler in die Politik eintrat, war er bereits dreißig Jahre alt, hatte keine Familie, keine engeren Freunde und kaum eine Aussicht auf Karriere, welcher Art sie auch sei.“ (aus dem Klappentext).

 

Bräuninger schreibt ruhig, aber mit Zug. Wieder verzichtet er auf allen sprachlichen Modeschnickschnack, auf Verklärung sowieso, aber auch auf billige Verdammung. Die Lektüre ist ein Genuß! Beinahe beiläufig zeichnet er ein beeindruckendes Psychogramm der deutschen Seele, von der zu distanzieren er sich mit Recht zu schade ist: „Das Wort ‚Reich‛ war für die Deutschen immer von besonderem Glanz umstrahlt (…), denn ‚das Reich’ (…) war Erinnerung, Wirklichkeit und Verheißung zugleich.“ (Seite 75). Und Bräuninger macht Mut, „denn als geschichtsbewußter Mensch glaube ich daran, daß sie [die Weltgeschichte. F.B.] nichts ohne einen tieferen Sinn und eine folgerichtige Logik geschehen läßt, wenn diese auch zuweilen erst sehr spät für uns erkennbar ist“.

 

Vor kurzem hat sich ja der BRDDR-Außenminister Westerwelle nicht entblödet, bei einem Besuch in Königsberg der bei der Eroberung der Stadt gefallenen Sowjetgardisten zu gedenken. Für seine dort umgekommenen Landsleute hatte er im ganzen Sinne des Wortes nichts übrig. Wenige Wochen zuvor noch konnte ich ihm eine gewisse Achtung für seine Enthaltung bei der Abstimmung über die Zerstörung Libyens nicht versagen – und schon kann er mir nur wieder leid tun. Für ihn gibt es wohl nur die russische Stadt Kaliningrad. Wie müssen sein polnischer und russischer Kollege ihn insgeheim ob solcher, für sie undenkbarer Geschichtsvergessenheit verachten! Gibt es keine mitleidige Seele, die Westerwelle mal ein bißchen auf die Sprünge hilft? Der Film Ostpreußen — Deutsche Landschaften bis 1945 aus der Reihe Kostbarkeiten auf Zelluloid wäre ein geeignetes Mittel. Es sind nur noch Schnipsel, die uns geblieben ist, aber aus jedem weht uns der Zauber des Landes der dunklen Wälder und kristallnen Seen an. Was nur mag die Filmselbstkontrolle bewogen haben, diese historischen Aufnahmen nur für Zuschauer ab dem 12. Lebensjahr freizugeben? Der Satz „Die Oder ist keine Grenze, sondern ein Fluß in Deutschland“?

 

Die Tragödie der Ostvölker

 

Es gibt unzählige Zeugnisse von der „Befreiung“ Osteuropas durch die Rote Armee. Ein beredtes liefert die Lebens- und Leidensgeschichte des Franz Sch. im Buch Die Waldbrüder — Ein deutscher Soldat bei estnischen Partisanen 1945 bis 1949 von Hermann Behr. Franz Sch. floh als Wehrmachtssoldat aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft und erfuhr schnell, wie schlimm die Sowjets die von ihnen „befreiten“ Völker schikanierten (und wie „der Westen“ diese im Stich ließ und verriet). Er schloß sich estnischen Partisanen, den sogenannten „Waldbrüdern“, an und kämpfte an ihrer Seite – um doch wieder in sowjetische Gefangenschaft zu geraten und erst 1956 als dreißigjähriger, aber bereits ergrauter Mann in die Bundesrepublik und die Freiheit zu kommen. Der damalige Bundeskanzler Adenauer ist sicher rheinischer Separatist bis ins Mark gewesen, das Ruhmesblatt der Heimholung der versklavten deutschen Soldaten aus der Sowjetunion soll ihm aber keiner nehmen. Das Waldbrüder-Buch liest sich packend von der ersten bis zur letzten Seite, vielleicht sogar wegen seiner teilweise sperrigen Erzählweise. Rührend die darin enthaltene Liebesgeschichte, die manch einer überlesen mag, weil kaum etwas geschieht, die aber so groß in ihrer Zartheit ist, daß es mir das Herz abschnüren wollte. Es ist ganz sicher kein durchkomponiertes Drama, keine dichterische Meistererzählung, sondern offenbar tatsächlich ein Erlebnisbericht, der wieder einmal klarmacht, daß ab dem 8. Mai 1945 eben nur die deutschen Waffen schwiegen, der Krieg aber weiterging. Wer weiß denn, wie lange noch Balten, Ukrainer, Kaukasier und andere verzweifelt um ihre Freiheit kämpften? Und waren die Aufstände in Polen, Ungarn, Mitteldeutschland und der Tschechoslowakei nicht Fortsetzungen dieses Freiheitskampfes gegen die Sowjetunion?

 

Doch während der Westen den Osten durch seine Kumpanei mit Stalin verriet, ergriff das Reich nicht, oder viel zu spät die ausgestreckte Hand dieses Ostens. Das Buch Verschmähte Waffenbrüder — Die Tragödie der Ostvölker 1941 bis 1945 von Werner H. Krause eröffnet dem Leser den Nachlaß des Generals der Ostfreiwilligen Ernst Köstring. Köstring, 1876 in Moskau geborener und aufgewachsener Sohn deutscher Eltern, liebender Kenner der russischen Seele, verkörperte offenbar das Idealbild eines deutschen Offiziers: Belesen, gebildet, welterfahren, mehrsprachig und einfühlsam. Tapfer, treu und großherzig kämpfte er im Ersten Weltkrieg in der Schlacht von Tannenberg unter Ludendorff, war Ordonnanzoffizier beim späteren Chef des 100.000-Mann-Heeres, von Seeckt, und diente als deutscher Militärattaché in Moskau. Er bereiste nach seiner Kaltstellung durch den Führer anderthalb Jahre die Welt, war nach seiner Reaktivierung an den Verhandlungen über den Hitler-Stalin-Pakt beteiligt, warnte die deutsche Führung später vor sowjetischen Angriffsvorbereitungen, klärte über die riesigen Kapazitäten der sowjetischen Armee auf und regte nach Beginn des Unternehmens Barbarossa die Aufstellung von Freiwilligenverbänden der Ostvölker an. Hier beginnt der tragische Teil des Buches: „Es war die pure Verzweiflung, die Stalin im Herbst 1941 dazu bewog, die Losung vom Großen Vaterländischen Krieg zu propagieren. Anstelle eines nebulösen Internationalismus wurde an Mütterchen Rußland und den russischen Patriotismus appelliert. Doch dies hielt etwa eine Million Rotarmisten nicht davon ab, einen Seitenwechsel vorzunehmen. Ihnen ging es um ein anderes, besseres Rußland, ohne Stalin und sein kommunistisches System. So hofften sie, mit deutscher Hilfe Rußland ein neues Antlitz geben zu können….“ (Klappentext). Köstring war schnell klar, daß die Sowjetunion nur mit Hilfe der unterdrückten Sowjetvölker besiegt werden könne. Unermüdlich trieb er die Aufstellung von Freiwilligen-Verbänden voran. Wo diese Verbände zum Einsatz kamen, kämpften sie tapfer, aber auch verlustreich. Köstring sorgte nach seinen Möglichkeiten für eine den deutschen Soldaten gleichgestellte Behandlung der Ostfreiwilligen und warb für verbindliche politische Zusagen an die Ostvölker für die Zeit nach dem Sieg über die UdSSR. Die Ignoranz, das Zögern, die Vorbehalte der deutschen Führung, die Borniertheit mancher Reichsstatthalter trieb ihn zeitweise zur Verzweiflung. Erst im November 1944 kam es zur Aufstellung von zwei Divisionen einer Russischen Befreiungsarmee unter General Wlassow – viel zu spät! Der Untergang war nicht mehr aufzuhalten. Die meisten Ostfreiwilligen bezahlten ihren Einsatz für die Freiheit mit dem Leben – entweder im Kampf oder, nach schmählicher Auslieferung durch den Westen, durch sowjetische Rache. Wir hatten’s in der Hand, doch in Schwermut zurückschauend stehenzubleiben, wäre fruchtlos. Wer könnte heute unser Verbündeter sein, wer teilt mit uns gleiche Feindschaft und ähnliche Sehnsucht?

 

Verbindung von Demokratie, Sozialismus und Emanzipation

 

Die Sowjetunion existiert nicht mehr und hätte ohne US-amerikanische Schützenhilfe nie halb Europa unter die Knute bekommen. Die USA haben ein seltenes Geschick, Leute großzuziehen, um sie dann als Feinde zu bekämpfen. Der „Westen“ hat nichts gelernt. Er faselt von der Gleichheit aller Menschen, um doch immer noch und wieder in kolonialer Attitüde den Lehrmeister in „Freiheit“ und „Demokratie“ für andere Völker machen. Er bricht sein eigenes Recht bei jeder sich bietenden Gelegenheit und trägt Krieg in Länder, die uns Deutschen nichts taten, im Gegenteil, uns seit je freundlich gesonnen waren, und nötigt uns, Mitschuldige zu werden. Gab es je ein perfideres Spiel? Die Regeln sind immer die gleichen: Es wird gelogen, inszeniert, gehetzt, bis zum vorgeblichen Wohle der Menschen Bomben fallen. Zur Zeit ist Libyen dran. Das Land mit dem höchsten Lebensstandard und der höchsten Alphabetisierung Afrikas wird in Trümmer gebombt. Was hat es verbrochen? Den „Westen“ bedroht, ihm den Ölhahn zugedreht, ihn einem Massenansturm afrikanischer Elendsflüchtlinge ausgesetzt? Nichts von alledem! Schlimmer! Es hat eine Regierung, die ihr Land nicht beim supranationalen Finanzkapital verschuldete. Kommt uns das bekannt vor? Wieder mal haben wir es – angeblich –  mit einem Irren, einem Teufel, einem Massenmörder zu tun. Diesmal trägt er den Namen Muammar al Gaddafi. Der betreibt – angeblich – Völkermord am eigenen Volk, da mußte ja der selbstlose „Westen“ eingreifen. Und auch Qaddafi hat ein Buch geschrieben, ein kleines, aber durchaus lesenswertes, diskutables Buch: Das Grüne Buch – Die dritte Universaltheorie. In drei Kapiteln entwirft er eine Verbindung von Demokratie, Sozialismus und Emanzipation, die allerdings mit den hier herrschenden Vorstellungen von Parteien-Demokratie, Neo-Liberalismus und Geschlechterleugnung nicht vereinbar ist. Gaddafis Demokratie soll die Einheit von Volk und Staat sicherstellen und beide vor Einflußnahme von außen schützen. Unsere Parteien-Demokratie befördert die Aufsplitterung des Landes in gegeneinander ausspielbare Interessengruppen, die „Einbindung“ durch supranationale Organisationen, die Verhökerung des Volksvermögens durch sogenannte „Privatisierung“  und die Auflösung der Familie.

 

„Nun stehen wir unter der Attacke der größten Macht der Militärgeschichte; mein kleiner afrikanischer Sohn, Obama, will mich töten, unserem Land die Freiheit wegnehmen, uns unsere kostenlosen Wohnungen, unsere kostenlose medizinische Versorgung, unsere kostenlosen Schulen, unser kostenloses Essen wegnehmen und sie durch Diebstahl in amerikanischem Stil, genannt ‚Kapitalismus’ ersetzen – aber wir alle in der Dritten Welt wissen, was dies bedeutet; es bedeutet, multinationale Firmen beherrschen die Länder, beherrschen die Welt, und die Völker leiden; und so gibt es für mich keine Alternative, ich muß meine Stellung beziehen, und wenn es Allah gefällt, werde ich sterben, indem ich seinem Pfad folge, ein Pfad, der unser Land reich an Ackerland, an Nahrungsmitteln und an Gesundheit gemacht hat, und uns sogar erlaubt hat, unseren afrikanischen und arabischen Brüdern und Schwestern zu helfen.“ (http://lupocattivoblog.wordpress.com/2011/04/11/gadaffi-unabhangig-und-unzensiert/)

 

Was haben wir mit diesem „Westen“ zu schaffen? Nichts, gar nichts! Aber dieser Westen ist nicht Europa, schon gar nicht sind es die europäischen Völker, es sind die „demokratischen Eliten“, die nichts weniger als das eine wie das andere verkörpern!

 

Krabat-Vertonung von ASP

 

Europa zeichnet die Vielheit der Eigenheiten aus. Es kann und wird eine europäische Gleichschaltung niemals geben. Alle derartigen Vergewaltigungsversuche sind zum Scheitern verurteilt. Wir, die wir das jeweils Eigene pflegen und über die Zeiten bringen, halten Europa stark – erst recht, wenn wir das nicht verbiestert, sondern mit Witz und Phantasie tun. Einer der Landsleute, die das spielend schaffen, ist der österreichische Akkordeonist Herbert Pixner. Soweit ich weiß, hat er bisher zwei Lichtscheiben mit Volksmusik-Stücken herausgegeben – und alle sind wunderbar heiter, witzig, schräg oder melancholisch, aber immer klasse. Pixner ist ein echter Musiker und, nach den Texten der Begleithefte zu urteilen, ein heller Kopf: „Jaja, (…) du mit deinem ‚bauern tschäss’! Bei Freunden und Kollegen nur Kopfschütteln (…) und dann spielt er auch noch so (…) wie heißt das noch (…) echte Volksmusik? Wenn man da nicht mit einem echten Passeierer ‚Bergsturschädel’ ausgestattet wäre.“ Begleiten läßt sich Pixner auf beiden Scheiben von Baß und Harfe. Also, wenn einem wieder mal dies und jenes über den Kopf zu wachsen droht, einfach den Leckmicha Marsch auf Blus’N auf! (genau hinschauen!) auflegen oder komisch pannonisch auf Bauern-Tschäss und schon ist der Kopf wieder frei und der Körper entspannt.

 

Ich gebe nie eine Hoffnung auf, auch die nicht, daß die deutsch-tschechische, die böhmische Symbiose eines Tages eine Wiedergeburt feiern wird. Jeder kennt doch sicher noch den Räuber Hotzenplotz, Die kleine Hexe oder den kleinen Wassermann? Alle sind sie Schöpfungen des großartigen Erzählers Otfried Preußler, der auch den Kater Mikesch Josef Ladas ins Deutsche gebracht hat. Sagte ich jetzt, Preußler sei nicht nur Kinderbuchautor, so wäre das „nur“ eine Beleidigung! Ich behaupte, daß ein wertvolles Kinderbuch schwerer zu schreiben ist als eines für Erwachsene. Warum? Weil wir Erwachsenen viel zu schnell und zu oft furchtbar verkopft sind. Preußler schreibt mit reinem Herzen. Aber der gebürtige Böhme hat auch ein kopfschweres Buch geschrieben: Krabat, die phantastische Geschichte eines Müller- und Zauberlehrlings. Die Gruppe ASP hat aus diesem Roman einen Liederzyklus geschöpft: Zaubererbruder auf einer Doppel-Lichtscheibe in geheimnisvoller Aufmachung. Allein das Wagnis so einer Vertonung ist lobenswert, aber auch die Verwirklichung ist hörenswert. Der Gruppe ein großes Lob! Kleiner Seitenhieb: Den Spruch „Wir danken immer noch allen Rechten dafür, daß sie unsere Musik nicht mögen“ könnt Ihr Euch abschminken!

 

Die deutsche Seele ist ohne Fern- und Heimweh nicht zu denken. Die Wandervogel-Bewegung ist eine der schönsten Schöpfungen dieser Seele. Vor Jahren tauchte, dem Ruf folgend, den wir glücklicherweise genießen, unerwartet ein Trupp Nerother bei uns auf und dankte für die Verköstigung mit einigen Liedern. Ein alter Freund machte mich kürzlich darauf aufmerksam, daß diese Wandervögel in schneller Folge nun zwei Lichtscheiben herausgegeben hätten mit eigenen und altbekannt bündischen Liedern Und wir träumen unter Sternen und Reiten, reiten durch die Nacht. Ich besorgte mir die Scheiben gleich und war begeistert, allein schon von der selten schönen Aufmachung. Und dann die Musik: Technisch einwandfrei und mit Herzblut dargebracht! Ach, Leute, viel zu oft vergessen wir, wie reich wir sind. Da ist noch soviel Stärke und Poesie, daß einem die Brust enge wird. „Deutschland stirbt nicht…“ (Karl Bröger).

 


Hermann Behr: Die Waldbrüder – Ein deutscher Soldat bei estnischen Partisanen 1945 - 1949, Buch, gebunden, 304 Seiten, Winkelried-Verlag, Dresden 2010, 19,95 Euro

 

Werner H. Krause: Verschmähte Waffenbrüder: die Tragödie der Ostvölker; aus dem Nachlass des deutschen Militärattachés und General der Ostfreiwilligen General Ernst Köstring, geb., 382 Seiten, Druffel & Vowinckel, Stegen am Ammersee 2010, 29,80 Euro

 

Hans Grimm: Warum, woher, aber wohin?: Vor, unter und nach der geschichtlichen Erscheinung Hitler, Klosterhaus-Verlag, geb., 622 Seiten, Lippoldsberg 1954, 16 Euro; zu beziehen über www.klosterhausbuch.de

 

Werner Bräuninger: Odeonsplatz: der Aufstieg eines Unbekannten, geb., 272 Seiten, Universitas, München 2011, 22 Euro

 

Kostbarkeiten auf Zelluloid: Ostpreußen – Deutsche Landschaften bis 1945, DVD, SJ Entertainment, 55 Minuten, 12,99 Euro

 

Muammar al Gadaffi: Das Grüne Buch: Die Dritte Universaltheorie des libyschen Revolutionsführers Muammar al Gaddafi, brosch., 119 Seiten, Bublies, Beltheim 2011, 7 Euro

 

Herbert Pixner Projekt: Blus´N auf!, Audio-CD, Bogner Records, 2006, 12 Titel, 16,99 €

 

Herbert Pixner Projekt: Bauern-Tschäss (Power `N Jazz), Audio-CD, Bogner Records, 2010, 10 Titel, 16,99 €

 

ASP: Zaubererbruder – der Krabat-Liederzyklus, Doppel-Audio-CD, Trisol, 2008, insgesamt 15 Titel, mit Beiheft, 18,99 €

 

Sternenreiter: Reiten, reiten durch die Nacht (22 Titel) und Und wir träumen unter Sternen (25 Titel), Audio-CD, Eigenverlag, je 12 €; zu beziehen über www.sternenreiter.com

 

 

aus Nummer 16, 12/2011

 

Lieber Leser!

 

Verursacht auch Dir die alltägliche Denglisch-Pampe Kotzgefühle? Mußt auch Du Dich schwer zurückhalten, wenn selbst mit deutschen Wörtern Denglisch gesprochen wird und – nur scheinbar gebildete – Landsleute schwallen „Ich erinnere, daß …“ (ich als Kind dies und das erlebt habe zum Beispiel) oder ernsthaft meinen, etwas „mache Sinn“? Bist Du auch schon dafür schräg angeschaut worden, wenn Du Deinem Unmut hierüber Luft machtest und diese Sprachverhunzung als geschickt getarnte Landnahme brandmarktest? Dann tröste Dich: Im Kampf um die Freiheit der Völker bist Du als Deutscher nicht allein. Nein, ich meine nicht die Sprachschutzgesetze, die es in verschiedenen Ländern gibt, sondern das Buch Die englische Verdrengung/Anglaid – Eine Polemik aus Kanada über eine Herrschaftssprache des Franko-Kanadiers Michel Brûlé: Ungerührt entlarvt er das Englische als Sprache nicht der Welt, sondern der Welteroberung und –ausbeutung. „Sein Werk spannt gewaltige Bögen vom Völkermord an den Indianern über Aufstieg und Fall des Britischen Empire bis zum US-amerikanischen Genie der Macht…..mit ihrer militärischen Variante der Atom- und Napalmbomben ….und …  ihrer sanften Form mit McDonald´s, Hollywood und Michael Jackson…“ (Klappentext)

 

Ostpreußische Liebeserklärung an die Frau

 

Es gibt viele Arten, sich einer Sache zu nähern. Da in unserer Zeit das vereinfachende, grell plakative Abtun vorherrscht (das Leitmotto „immer schneller-schriller-mehr“ schlägt eben überall durch) und nach Enzensberger bloße Entschleunigung schon revolutionär wäre, empfehle ich als nächstes den Film Der Baum des Lebens von Rüdiger Sünner. Sünner hat eine ganz spezielle Art zu erzählen und ist schon mit dem Film Das geheime Deutschland hervorgetreten. Nicht jeder erträgt diese Art, erst recht nicht der, dessen Auge, Ohren und Seele schon von zu vielen US-amerikanischen Pochpengschrei-Streifen abgestumpft sind. Filme sind, sollen sein bewegte Bilder und Bilder sind zum A n s c h a u e n  da. Schauen ist Muße, Abwägen, Nach-denken. Und wenn zu echter Anschauung wie in diesem Film noch die wahrhaft erhebende Stimme der samländischen Sängerin Marie Boine kommt, dann sind wir dem Ideal des Gesamtkunstwerkes schon ziemlich nahe. Der Film behandelt die lappländischen Anschauungen Dag Hammarskjölds (1905-1961), des ehemaligen UNO-Generalsekretärs, der als moderner Ikarus nicht der Sonne, sondern der Hölle der sogenannten „westlichen Wertegemeinschaft“ zu nahe gekommen war und passenderweise mit dem Flugzeug abstürzte. Ein Film für starke Nerven – in seiner Art wie in seiner Botschaft. Mari Boines Lied Hymn stammt ursprünglich von ihrer Scheibe Acht Jahreszeiten, wer dem Klang ihrer Muttersprache tiefer nachlauschen will, höre Gula gula. Und – na ja – der Film heißt in Wirklichkeit – leider! -  The Tree of Life und die Scheibe Eight Seasons, was ärgerlich ist, uns aber den Genuß nicht verleiden sollte.

 

Mancher Leser wird bei der Erwähnung des „Geheimen Deutschland“ vielleicht zusammenzucken, mancher ist schnell mit dem Wort „Verräter“ dabei (mit Blick auf die herrschende politische Klasse bin ich´s auch), aber vielleicht unternahm Judas den einzig wirklichen Versuch zur Rettung Jesu? Mancher schließlich redet viel vom Reich und mehr noch von seinem Osten, ohne davon viel zu wissen. Hermann Sudermann, d e r  Erzähler Ostpreußens („Gestalter eines phantastischen, rauschhaften unwirklichen Lebens, das um die Menschen zwischen Weichsel und Memel, um die Gestalten der ganzen deutschen Ostwelt gewesen war“, Paul Fechter) hat in seinem Werk Der Katzensteg eine packende, manchmal verstörende Geschichte aus der Zeit der antinapoleonischen Befreiungskriege um Verrat, Kampf, Liebe, Lust, Tapferkeit, und Borniertheit geschrieben. Für mich ist sie eine Liebeserklärung an die liebende Frau, die – egal wie abgerissen – so viel höher steht als alle bigotte Pöbelhaftigkeit in feiner Tapete. „Wir müssen die Frauen ehren, sagte mir neulich ein Unfallarzt, sie sind soviel tapferer als wir Männer“. Wiedererschienen ist die Geschichte im Lindenbaum-Verlag, der „sich vor allem der Zeit- und Regionalgeschichte unserer verlorenen ostdeutschen Länder widmet. Ostpreußen und Schlesien bilden dabei einen Schwerpunkt. Vor allem möchten wir in diesem Verlag auch literarische Werke herausgeben, teilweise – wie die Werke Sudermanns – auch wiederentdecken.“ (so der Inhaber). Das Verdienst, literarische Werke wie den Katzensteg oder auch Sudermanns Jugenderinnerungen den Lesern wieder zugänglich zu machen, verdient hohe Anerkennung, beschränken wir uns beim Thema Deutscher Osten doch zu oft auf die vielen und selbstverständlich wichtigen Endkampf-Dokumentationen (von denen der Lindenbaum-Verlag auch zahlreiche anzubieten hat). Wir beklagen den damaligen Verlust, aber wir machen uns zu selten klar,  w a s  wir denn eigentlich verloren haben!  Eine kleine Bitte an alle Verleger, die hier & jetzt lesen (laut einer Umfrage sollen das ja einige sein): Fremdsprachige Zitate grundsätzlich mit einer Übersetzung versehen! Alles andere ist bildungsbürgerlicher Hochmut! Und das mit der Umfrage -- ist natürlich gelogen.

 

Trotz der Lüge

 

Die passende Musik zum „Katzensteg“ gefällig? Die Gruppe Trotz der Lüge hat Gedichte von „merschtenteels“ (wie Karl Mays Hobbble-Frank sagte) Theodor Körner, dem Kämpferdichter der Befreiungskriege, und einigen anderen (darunter Ferdinand Freiligrath  und Walter Flex) vertont und unter dem Titel Gott – Vaterland – Liebe – Tod auf Lichtscheibe herausgebracht. Diese Vertonungen sind in Melodik, Satz, Instrumentierung und Gesang den Dichtungen ohne Wenn und Aber ebenbürtig, mit einem Wort: Klasse! Angesichts des so oft stupiden Gegröhles sogenannter „rechter Liedermacher“ (Lunikoff nehme ich ausdrücklich aus, denn der hat – bei allem Gebrüll – durchaus ein Gefühl für Musik und Poesie!) ist diese Scheibe ein richtiges Geschenk. Wer sie einmal aufgelegt hat, wird sie immer wieder hören wollen. Deutschland lebt – wenn auch vielerorts im Geheimen, wie das Herz, das – wenn auch nicht so ohne weiteres sichtbar – , doch schlägt. Meine persönlichen Lieblingslieder sind --, nein, wird nicht verraten. Höre unvoreingenommen rein, lieber Leser, Du wirst es nicht bereuen! Was Dir da geboten wird, ist echt und ergreifend!

 

Als anständige Radikale hören wir natürlich nicht bei den antinapoleonischen Befreiungskriegen auf, sondern buddeln weiter, bis zum Jahre 9 nach Christus. Voriges Jahr feierten wir den zweitausendsten Jahrestag der Ermin- oder Arminius-Schlacht, die heute merkwürdigerweise nach dem Verlierer Varus-Schlacht genannt wird. Nein, eigentlich feierten wir nicht, es blieb im Jahre 2009 diesbezüglich auffallend ruhig. Dabei gibt es ein musikalisches Drama von Peter B. Smith, einem ehemaligen britischen Militärmusiker, der in Deutschland der Liebe wegen (ich bin sicher, im doppelten Sinne) hängengelieben ist: Arminius – römischer Offizier und Befreier Germaniens (nach dem – nur noch antiquarisch erhältlichen - Roman Arminius – Fürst der Cherusker von Jutta Laroche). Dessen Uraufführung wollte ich unbedingt erleben, allein, sie kam nicht. Bis heute – soweit ich weiß – nicht. Eine solches Drama ist offenbar – unangebracht! Ein germanischer Freiheitsheld? Ich bitte Sie: „Im Jahre 9 fielen die Deutschen zum ersten Mal im weltgeschichtlichen Maßstab auf. Ehrlicherweise müssen wir sagen: negativ. Äußerst negativ. Da schlägt ein Barbarenhaufen, der nichts kennt als das ewige Dämmerlicht seiner germanischen Hirne und Wälder, eine Hochzivilisation entzwei. Machen wir uns eigentlich klar, welche Schuld unsere Vorfahren auf sich geladen haben?“ (Kerstin Decker in der taz vom 11.11.2009). Kein Intendant traut sich offenbar, so etwas ins Programm zu nehmen. Dabei wäre das – bin ich sicher – der Renner gewesen. Wenigstens gibt es auf Lichtscheibe eine Aufnahme des konzertanten Teiles, der einen ahnen läßt, wie schön die dramatische Gesamtaufführung des Werkes wäre. Das ist wahre Musikmalerei. Im 3. Satz zum Beispiel hören wir geradezu, wie unsere Altvorderen hervorbrechen und sich mit Gebrüll auf die Römer werfen! Neben der Lichtscheibe gibt´s übrigens beim Verlag Probepartituren und eine Einführung in die verschiedenen Aufführungsmöglichkeiten. Was, haben wir in unseren Reihen denn nirgendwo ein Orchester für  konzertante Blasmusik, eine Theatergruppe oder ähnliches? Da nimmt sich jemand dieses großartigen Themas an – und sein Werk verstaubte in der Schublade? Das darf nicht sein!

 

Neues von der Kleingeldprinzessin

 

Tauchen wir langsam aus der grauen Vorzeit wieder empor. Ein Heroe ganz anderer Art als Ermin oder Körner ist Ludwig van Beethoven. Was der geschaffen ist, ist ungeheuerlich! Neben seinen Klaviersonaten, Symphonien und dem Violinkonzert begeistern mich am meisten seine fünf Klavierkonzerte. Ich kenne keine Musik, die sinnlicher, aufwühlender, tiefer und beglückender wäre und frage mich immer wieder, wie Menschen nur solche Werke schaffen konnten - und darbieten können! Der 1942 geborene Daniel Barenboim kann letzteres. Er ist ein freier Geist (führte trotz faktischen Verbotes Wagner in Israel auf, arbeitet mit palästinensischen Musikern zusammen und bekam 2008 „für seinen Einsatz für das palästinensische Volk“ die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft verliehen) und ein wahrhaft großer Künstler. Ich bin voll Bewunderung für ihn! Im Frühjahr 2007 gab er beim Klavierfestival Ruhr an fünf aufeinanderfolgenden Tagen die fünf Klavierkonzerte Beethovens als Dirigent der Staatskapelle Berlin und   g l e i c h z e i t i g  als Solist am Klavier und beides auswendig, ohne Noten! Das zu sehen und zu hören, ist ein Genuß sondergleichen, verbunden mit einem Gran Salz: Dem Zuhörer und –schauer wird bewußt, was wirklich Größe und Vollendung bedeuten, wie klein er selbst ist und das nur Größe, nicht Meinung oder Anspruch adelt! Jetzt ist eine filmische Stereoaufnahme dieser Konzerte auf Lichtscheibe erschienen und ich kann sie nur heiß empfehlen!

 

Zuletzt noch etwas aus unserer Zeit, nichts großes, aber sehr schönes, erfrischendes, originelles: Es war einmal eine Straßenmusikerin, die reiste musizierenderweise durch die Welt und bekam bald den Namen „Kleingeldprinzessin“. In Berlin blieb sie kleben und tat sich mit anderen Musikern zur Gruppe Dota und die Stadtpiraten zusammen. Im Jahre 2003 brachten sie in Eigenregie (Plattenverträge lehnen sie ab) ihre erste Scheibe heraus (Dota/  die Kleingeldprinzessin und die Stadtpiraten), im Jahre 2010 – nach einigen anderen - ihre neueste (Bis auf den Grund). Ich habe mir beide angehört – die erste auf einen Hinweis meiner Geliebten und mit Begeisterung, die letzte mit gewisser Furcht, der erste Eindruck könnte verwischt werden. Aber die Prinzessin bleibt sich offenbar – trotz des Erfolges! – treu: Ihr Gesang ist klar und frisch, ihre Lyrik hat Witz und Tiefe, die Instrumentierung paßt und die Musik ist – ich finde kein besseres Wort - eigen! Wer Dota Kehr hört, möchte sie kennenlernen und mit ihr plaudern, soviel Heiter- und Herzlichkeit und Unverkrampftheit strahlt sie aus. „Alles Du“ auf der ersten Scheibe ist das schönste Liebeslied unserer Zeit, das ich in letzter Zeit hörte. Originell aber auch  (auf der gleichen Scheibe) „Immer die anderen“ und politisch hellsichtig „Erschlossenes Land“ oder „Utopie“, beide auf  der Scheibe Bis auf den Grund: „In Brüssel sitzt ein Ungeheuer,  das in Rätseln zu mir spricht, ich versteh hier soviel: Geld ist Tyrannei…“. Aber nochmals: Das schönste ist „Alles Du!“ Muß der Mann, dem das gilt, ein Glück haben…

 

Lieber Leser, ich hoffe, ich habe Dir für die stille Zeit des Jahres einiges empfehlen können, was auch Dich begeistert. Ich meinerseits bin immer für Empfehlungen und Hinweise dankbar! Ich wünsche Dir und Deinen Lieben eine tiefe Weihenacht und ein glückliches Neues Jahr!

                                                                                                                     

 

Michel Brûlé: Die englische Verdrengung, Paderborn, IFB Verlag Deutsche Sprache, 2010, Taschenbuch 181 Seiten, € 14,20

 

Rüdiger Sünner: The Tree of Life, Atalante Filmproduktion, Lichtscheibe, 70 Minuten, € 17,99

 

Mari Boine: 8 seasons, € 17,99, “Gula gula”  € 9,99, beides Musik-Lichtscheiben

 

Hermann Sudermann: Der Katzensteg, 256 Seiten, € 16,95 und Das Bilderbuch meiner Jugend, 331 Seiten, € 19,80 , beides gebundene Bücher aus dem Lindenbaum-Verlag, Beltheim-Schnellbach, 2009

 

Trotz der Lüge: Gott – Vaterland – Liebe – Tod, Lichtscheibe mit 15 Liedern, Beiblatt mit allen Texten, Eigenverlag, € 14,--

 

P.B. Smith: Arminius – römischer Offizier und Befreier Germaniens, Suite in 6 Sätzen für Blasorchester, Edition Con Fuoco, Lichtscheibe, € 8,--

 

Ludwig van Beethoven: Klavierkonzerte 1-5, filmischer Konzertmitschnitt vom Klavierfestival Ruhr aus der Jahrhunderthalle Bochum im Mai 2007, Lichtscheibe, 198 Minuten,  Solist und Dirigent Daniel Barenboim, Staatskapelle Berlin, € 29,99

 

Dota und die Stadtpiraten: „Kleingeldprinzessin“ € 10,99, „Bis auf den Grund“ € 14,99, Musik-Lichtscheiben

 

 

aus Nummer 15, 7/2010

 

Lieber Leser!

 

Am 10. Mai 1950 wird in Potsdam die zwanzigjährige Pädagogik-Studentin Edeltraud Eckert verhaftet. Sie soll für eine „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ Flugblätter mit dem Wortlaut „Freiheit der Ostzone!“ oder „Feindschaft dem Terror“ verteilt haben. Im Juli wird sie deshalb unter Ausschluß der Öffentlichkeit und ohne Verteidigungsmöglichkeit zu fünfundzwanzig Jahren Haft und Arbeitslager verurteilt. Ihre gesamte persönliche Habe wird beschlagnahmt., ihre drei Mitangeklagten erhalten ebenfalls hohe Haftstrafen.

 

Edeltraud Eckert wird in die Strafanstalt Waldheim eingeliefert. Hier fanden die  zahlreichen und berüchtigten gleichnamigen Prozesse gegen vermeintliche oder wirkliche Gegner der DDR statt, die oft mit anschließender Hinrichtung enden. Edeltraud Eckert lernt einige der Frauen kennen, für die sie Leben und Freiheit auf´s Spiel gesetzt hatte: Weibliche Gefangene aus den von den Sowjets weiterbetriebenen Konzentrationslagern Buchenwald und Sachsen-hausen, die wenigsten ehemalige Wärterinnen.

 

Die Geschwister Scholl, speziell Sophie glaubt jeder zu kennen. Gerechtigkeit widerfährt ihnen damit kaum: Die meisten deuten ihre Motive schamlos um  „zu  gegenwärtigen Zwecken“ (Martin Walser in seiner mutigen Paulskirchen-Rede), andere erfassen nicht, wie erbärmlich ein System sein muß, das ein junges Mädel wegen irgendwelcher  Flugblätter unter´s Fallbeil schickt.

 

Edeltraud Eckert wurde nicht hingerichtet, aber Anfang 1955 erleidet sie einen schweren Arbeitsunfall mit einer fürchterlichen Kopfverletzung, an der sie wenig später nach schlimmem Todeskampf stirbt. Ihre Urne wird in einem geheim gehaltenen Massengrab beigesetzt, sie selbst gerät für Jahrzehnte in Vergessenheit.

 

Wegen guter Arbeitsleistung durfte sie während einiger Haftmonate Kompositionen und Gedichte in ein Heft niederschreiben. Diese sowie einige Briefe aus der Gefangenschaft können nun im Buch „Jahr ohne Frühling“ nachgelesen werden und sie sind es wert, nicht nur wegen ihres historisch-dokumentarischen Charakters, sondern der Kraft ihrer Sprache und der Innigkeit ihrer Poesie:

 

„Auf Wiedersehen sagtest du,/ Ich nickte, wollte dir nicht wehren,/ Und wußte doch so gut wie du,/ Ich würde lange Zeit nicht wiederkehren.“ (aus „Abschied“, 1950)

 

Ob die DDR ein Unrechtsstaat war? Sie war überhaupt kein Staat, sondern eine Besatzungsverwaltung wie die BRD. Dieser ließ man längere Leine, womit sie wirtschaftlich erfolgreicher war, und kaschierte ihren Status geschickter. Und die vereinigte BRDDR? Wer´s wirklich wissen will,  frage Horst Mahler,  Anton-Saefkow-Allee 22, D-14772 Brandenburg.

 

Das Deutsche Reich war zweifellos ein souveräner Staat – ob und wie lange und weit  ein Rechtsstaat, darüber darf und soll trefflich gestritten werden.  Ein ebenso dankbares Thema ist die Frage, was das 3. Reich  und der Nationalsozialismus waren. Auch hier – wie bei den Geschwistern Scholl – gibt es die allzu vielen, die glauben zu wissen, nur weil sie gewisse Phrasen unfallfrei herunterbeten können. Einer, der wirklich wissen will und forscht, ist der 1965 in Offenbach geborene Historiker Werner Bräuninger. Für dessen Werk begeistere ich mich! Er ist ebenso frei von moralinsaurer opportunistischer Selbstgerechtigkeit wie von ignoranter bis kaltschnäuziger Schönfärberei. Sein Thema ist die Frage „Was war, welche Facetten hatte der real existierende Nationalsozialismus, was hätte er sein können  und wie sein müssen?“ Seine Bücher sind alle empfehlenswert, von „Strahlungsfelder des Nationalsozialismus“ (1999) über „Claus von Stauffenberg“ (2002) und „Hitlers Kontrahenten in der NSDAP“ (2004) bis zu „Ich wollte nicht daneben stehen…“ (2006) und bieten eine Fülle von interessanten Details, verblüffenden Aspekten und bedenkenswerten Einsichten. Dabei schreibt er ein wirklich gediegenes Deutsch! Irgendwelche modischen Sprachallüren hat er nicht nötig. Unter den zeitgenössischen Historikern ist er eine Ausnahme – weder staubtrocken, noch akademisch abgehoben oder reißerisch, mit einem Wort: Fein! Als Einführung in sein Werk empfiehlt sich sein erstes, kürzlich erschienenes Hörbuch „Opposition in der NSDAP“. Hier  geht es um die  „sog. `systemimmanente Opposition´ in der Hitler-Bewegung…die Wirkungsjahre jener Protagonisten, die als Nationalsozialisten mit ihren inneren Reformbestrebungen den Versuch unternahmen, der alles erstickenden Parteidoktrin und einem falsch verstandenen, arroganten `Herrenstandpunkt´ Widerstand zu leisten sowie dem Nationalsozialismus ein `menschliches Antlitz´ zu geben.“ (aus Bräuningers Weltnetzseite www.marmorklippen.de). „Wie konnten Sie diesen Krieg verlieren?“ fragte ein US-Amerikaner den deutschen General Rendulic nach seiner Kapitulation (Hans-Dietrich Sander „Die Auflösung aller Dinge“, Seite 164). Dieses Hörbuch gibt einigen Aufschluß darüber und unsereiner könnte rasen vor Wut und Enttäuschung über soviel verlorene, verwehrte, vertane Substanz! Der Autor liest selber und zwar ebenso gut, wie er schreibt. Fordern nicht immer die etablierten Gutmenschen, es müsse sich noch viel mehr mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt werden? Wohlan, lesen und hören wir Werner Bräuninger und  l e r n e n wir!

 

Weil die beiden bis jetzt vorgestellten Titel erhellend, wenn auch wenig erheiternd sind, will ich Dich nun, lieber Leser, zu einem Zirkusbesuch einladen. Du denkst vielleicht: „Ach ja, Zirkus, bißchen Klamauk, Artistik und Tierdressur, Mann, was soll das, Zeitverschwendung, Verlegenheitsbeschäftigung mit und für Kinder….“ Aber von wegen! Zirkus ist viel mehr und größer. Und das wunderbarste, was ich je an Zirkus gesehen habe, ist das Programm Quidam des franko-kanadischen Cirque du soleil, das er 1999 in Amsterdam aufführte und was es auf Lichtscheibe oder Videokassette, aber leider nur noch antiquarisch (bei e-bay oder amazon) gibt.

 

In einem normalen Zirkus wird eine Abfolge mehr oder weniger begeisternder Artistik- oder Dressur-Nummern geboten. Dazwischen gibt´s den Pausenclown, Füllgedudel oder Gelaber. In Quidam ist das ganz anders: Zwar wird auch hier atemberaubende, zum Teil unglaubliche Artistik geboten, aber die eigentliche Geschichte, die hier ohne Worte erzählt, ja, erzählt wird, spielt zwischen den einzelnen Nummern. Und diese Geschichte ist anrührend, zauberhaft, schön und tief, ein Fest für Augen und Ohren aus Tanz und Musik. Wenn ich jetzt auf den Inhalt einginge, verriete ich zuviel und käme ihm doch gar nicht nahe. Hier bräuchte es einen Peter Altenberg (kleine Empfehlung am Rande: Peter Altenberg, Sonnenuntergang im Prater, Reclam). Also laß´ Dich überraschen und entführen. Du wirst nicht enttäuscht sein. Wissen nicht gerade wir Deutschen, daß bloßer Geist  ohne Schönheit und Anmut fruchtlos ist?

 

Ich habe Quidam schon mindestens zehnmal angeschaut und bin jedes mal wieder fasziniert und entdecke jedes Mal etwas Neues. Wenn etwas das Prädikat „Gesamtkunstwerk“ verdient, dann dieses Zirkusprogramm, das so reich und glücklich macht.

 

Ich wünsche Dir, lieber Leser, einen zauberhaften, blütenreichen Frühling!

 

Edeltraud Eckert: Jahr ohne Frühling, Die verschwiegene Bibliothek der Edition Büchergilde, Frankfurt am Main, 2005, Buch, gebunden, 125 Seiten, 16,90 Euro

 

Cirque du soleil: Quidam, Lichtscheibe oder Videokassette, freigegeben ohne Altersbeschränkung, bei ebay oder amazon im Weltnetz, von 1,57 bis 80 Euro,--

 

 

aus Nummer 14, 11/2009

 

Lieber Leser!

Arne Schimmer hat mich gebeten,  für diese Ausgabe von hier & jetzt  einige Besprechungen beizusteuern und ich komme dieser Bitte gerne nach.

 

Ich hoffe, lieber Leser, es geht Dir gut. Du sitzt bequem, vorzugsweise im Freien und in der Sonne, und hast Muße, Dich der Lektüre dieses Heftes hinzugeben und mich auf eine kleine Reise zu begleiten.

 

Gerhard Gundermann, der „singende Baggerfahrer“ aus der Lausitz, wurde - nach dem Fall der Mauer auch im Westen ein wenig bekannt - von einer Journalistin mal gefragt, was er denn eigentlich für eine Musik mache. „Na, Volksmusik, hoffe ich doch“ antwortete Gundermann. Die Westjournalistin quittierte das mit einem „Ach, so was zum Mitklatschen…“. Als Volksmusik gilt  in der vereinigten BRDDR  eine – überaus profitable! – Mischung aus stumpfem Humptata und seichtem Herz-Schmerz-Alm-Gesäusel. Aber wie das Volk einerseits das „blöde Volk“ ist, das nichts kapiert (vor allem nicht, was mit ihm angestellt wird), so gibt es andererseits das Volk, das ein Gedanke Gottes ist. Diesen Gedanken tragen zwar alle Landsleute mehr oder weniger in sich, in der Regel allerdings unter einer seelischen Schwarte aus Fett, Müll und Asche. Bei dem einen oder anderen aber bricht dieser Gedanke hervor und treibt die schönsten Blüten.  Es gibt in Deutschland einige begnadete Volksmusiker beziehungsweise Volksmusik-Gruppen. Eine davon ist die „Fraunhofer Saitenmusik“. Na ja, möglicherweise wird ihren Mitgliedern eine begeisterte Erwähnung in dieser Zeitschrift sauer aufstoßen. Andererseits: Was liegt schon an Meinungen… Meinungen kommen und gehen, ändern sich, sind nichts als Interpretationen der Summe bislang gesammelter Informationen. Was sich selten ändert, ist, was Oswald Spengler den  „Takt“ nannte, der Traum, das Lied des tiefsten Inneren. Und welche Saiten rührt  die Fraunhofer Saitenmusik auf ihrer Jubiläumsscheibe Dreissig da bei mir an!

Hier ist „alpenländische Musik zu hören, neu angeeignete und konzertant gespielte `Volksmusik in schwierigen Zeiten´. Die aber gleichzeitig eine verloren gegangene aufsässig-konservative Haltung wieder entdecken wollte: `Gegen den Rhythmus der Zeit´. Es gab natürlich auch ganz andere und eigenartige, gelungene Versuche von Musikern, sich ihren Geschichten zu nähern. Da sind die `Fraunhofer´ nie hastig oder unruhig geworden, sie blieben ihrem Weg treu, der auf Kenner- und Könnerschaft beruht, mit dem Mut zu einer fast zeitfernen Schönheit und Ruhe. Und immer wieder gehen sie den europäischen Verbindungen alpenländischer Musik nach, vor allem nach Nordeuropa….“ (aus dem Klappentext).

 

Meinst Du, lieber Leser, in Deutschland würde zu wenig politisiert? O nein, es wird zu wenig getanzt! „Mir ward alles Spiel“ ist ein großes Nietzsche-Wort. „Uns werde alles Tanz“ rufe ich Dir zu.  Im Drehen und Vergehen, im Wallen des Blutes zur Musik  beispielsweise des „Astridwalzers“ (gleich dem ersten und schönsten Stück auf der Scheibe)  finden wir uns neu. Dann schlägt wahrhaftig das Herz höher: Musik, die so glücklich macht,   das unsereiner weinen möchte.

 

Doch täusche Dich nicht. Dem Ruf „Uns werde alles Tanz!“ zu folgen ist ähnlich schwer wie die Aufforderung „Tu was Du willst“. Ich weiß um die  zweijahrtausend alte Tragik unserer Geschichte, unserem Aufbäumen gegen eine wie immer geartete Moderne, möge sie Römisierung, Christianisierung, Industrialisierung, Demokratisierung, Kollektivierung, Amerikanisierung, Globalisierung oder wie auch immer geheißen haben. An all dem haben wir uns abgearbeitet und meistens verloren. „Das Dritte Reich war ein Versuch, die Krisen der Moderne  mit richtigen und falschen Mitteln aufzuheben“ schreibt Hans-Dietrich Sander in Die Auflösung aller Dinge (Castel del Monte, München). Das Dritte Reich? Die ganze deutsche Geschichte ist nichts anderes als dieser immerwährende, immer wiederholte Versuch. Waren wir nicht immer sperrig, wehrten wir uns nicht immer gegen das jeweils propagierte Ende der Geschichte? Fast immer waren wir der „Neuen Zeit“ im Wege und wurden dafür gehasst, bekämpft –  bewundert. Und gechlagen! Unsere Stärken waren so oft auch immer unsere Schwächen. Unkraut – tausendmal ausgerissen, immer noch da. Ha, aber lehnen weise Zeitgenossen das Wort „Unkraut“ nicht ab und sprechen von „Wildkraut“? Der Vorsprung der Besiegten heißt ein  Büchlein von Baal Müller, der einigen Lesern durch seine Neuerzählung des Nibelungenliedes bekannt sein dürfte. Erschienen ist es in der Reihe Kaplaken der Edition Antaios. Bücher sind etwas Sinnliches.  Der Mensch ist nicht nur ein Augen-, sondern auch ein Tast- und Nasentier. Es gibt Bücher, die riechen richtig widerlich, andere wollen sich nicht öffnen lassen, klappen sich immer wieder zu. Die  Kaplaken machen schon Freude, wenn unsereiner sie ansieht,  in die Hand nimmt und aufschlägt. Selten treffen klein und fein und Sinn und Form so glücklich aufeinander wie hier. Eine bewundernswerte Leistung des Verlegers Götz Kubitschek aus dem sachsen-anhaltinischen Schnellroda. Kubitschek bezeichnet sich unverdrossen als Rechten und der Ur-Rechte ist ihm Sisyphos, der unermüdlich einen Stein den Berg hinaufrollt, wohl wissend, daß dieser nur zu bald wieder unten liegen wird. Sisyphos ist die Verneinung jeglichen Endes der Geschichte, freilich auch jeden Endsiegs und jeder – Endniederlage. Der Vorsprung des Besiegten ist ein Versuch, die heilsgeschichtliche Bedeutung von Niederlagen im allgemeinen und der anscheinend totalen Niederlage der Deutschen im Besonderen zu ergründen.  Baal Müllers Ausführungen sind ebenso feinsinnig wie geistvoll, er gerät nie ins Schwafeln oder Abheben. Und doch oder gerade deshalb schafft er es, zu stärken und Mut zu machen: Wir sind immer noch da! Das wahre Deutschland war immer auch das Geheime Deutschland. Die äußere Stärke speiste sich stets aus diesem Inneren. Dort verband sie ihre Wunden, fiel in Genesungsschlaf, träumte den Traum vom Reich und von dort wird sie wiederkehren.

 

Bin ich jetzt ins Schwafeln gekommen? Nun gut, kehren wir auf den Boden der Tatsachen zurück: Das Finanzsystem ist am Kippen, der Immobilienmarkt ist schon zusammengebrochen, die Wahlen werden nach guter alter DDR-Manier von den Blockparteien gewonnen, ganz Deutschland droht  in klebriger EU-Cola zu ersaufen. Ganz Deutschland? Nein, hier und dort entstehen kleine Reiche, in denen das Handwerk, Geist, Musik und Poesie gepflegt werden, Kinder herumspringen, gegessen, nicht gestopft, die Erde geehrt und die Gastfreundschaft gepflegt  wird. Und Du, lieber Leser, hockst immer noch irgendwo in einer Mietwohnung, vollgestopft mit Büchern, und wirst stirbst am offenbaren öffentlichen Niedergang? Warum? Weil Du die Mittel nicht für eigenen Grund und Boden hast? Nie war es so einfach wie heute zu solchem zu kommen. Das Land ist voll von leerstehenden Gehöften, Häusern und Industriegebäuden. Das Land strotzt vor Arbeit, die angegangenen werden muß, Räumen, die zu neuem Leben erweckt werden wollen. Du brauchst nur zuzugreifen. Frage nicht, ob sich dort nicht Fuchs und Hase „Gute Nacht!“ sagen, frage nicht, ob Du das alles schaffen kannst, frage nicht, ob Du dort eine Anstellung findest. Wag´s und spring!  Wie? Bestelle Dir den Katalog der Deutschen Grundstücksauktionen AG (www.immobilien-auktionen.de). Oder suche gleich bei www.immobilienscout24.de. Solche Hinweise hätten auf einer Seite mit Literatur- und Musik-Besprechungen nichts zu suchen? Von wegen! Blättere einmal in einem solchen Katalog und Du findest  steingewordene Geschichte, Philosophie, Poesie und – wirklich! – Musik.

 

Damit will ich´s für heute bewenden lassen. Bis zum – hoffentlich - nächsten  Mal.

 

Fraunhofer Saitenmusik: „Dreissig“, Lichtscheibe,  Trikont, T€URO 16,99

 

Baal Müller: „Der Vorsprung der Besiegten“, Büchlein, Edition Antaios, Reihe Kaplaken, T€URO 8,50

 

Katalog der Deutschen Grundstücksauktionen AG (www.immobilien-auktionen.de)

 

www.immobilienscout24.de.